Die Akte Leutkirch

Es gibt Geschichten, die passen nicht in die Publikation, zu der sie gehören. Zu inside. Man erzählt sie üblicherweise nach einigen Bieren an der Bar. Das hier ist so eine Geschichte. Sie gehört zum Motorradmagazin MO, bei dem ich zu dieser Zeit als Redakteur arbeitete. Machen wir uns ein Bier auf, denn jetzt wird es kompliziert.

Josef Hinderhofer, mittlerweile pensioniert, arbeitete damals noch bei der Polizei Stuttgart, konkret: Stuttgart-Degerloch. Herr Hinderhofer war ein lustiger kleiner Schwabe mit einem grauen Schnauzer und einem labbrigen beigefarbenen Trenchcoat, der ihm den Spitznamen „Der Kojak von Degerloch“ einbrachte. Das erste Mal ermittelte er gegen mich, als meine Versicherung mich bei der Polizei anzeigte, weil ich vergessen hatte, ihr meinen Umzug mitzuteilen. Ihre Rechnungen für die Versicherung meiner Aprilia Mille liefen fortan ins Leere. Irgendwann annullierte die Versicherung den Vertrag und meldete das Kraftrad als unversichert der Polizei.

Josef Hinderhofer rief mich also an, teilte mir diesen Sachverhalt mit, glaubte mir, dass die Kiste aufgrund ständiger anderer Motorräder nur stand, also nicht unversichert fuhr und bot freundlicherweise an, das Kennzeichen gleich jetzt sofort zu beschlagnahmen, damit sie auch weiterhin nicht unversichert gefahren werde. Als Schwabe packte er selbst an, was, wenn man meine Motorräder kennt, keine so gute Idee war. Er verließ den MO-Hof mit einem sehr klebrigen Kennzeichen in seinen schwarz kettenfettigen Händen und wahrscheinlich dem Eindruck, dass es sich bei meiner Person um einen zu beobachtenden Schlawiner handelt, der zu jeder Ordnungswidrigkeit fähig ist.

Verkehrssünderinnen aus Neuseeland

Diese Einsicht bestätigte sich bald darauf. Die Gemeinde Leutkirch schickte einen Bußgeldbescheid mit Punkten und allem, der beklagte, eine Person sei auf einem kurzen Stück mit Begrenzung 70 weiterhin 100 gefahren, wahrscheinlich also vollkommen unbemerkt. Ich antwortete der Polizei, meine generell sehr ordnungswidrige Schwester sei gefahren, gleichzeitig aber jederzeit bereit, für ihre Untat das Bußgeld zu entrichten. Und dazu ihre Adresse in Neuseeland. Sie wohnte damals da.

Herr Hinderhofer glaubte von dieser Geschichte: kein Wort. Er verlangte das Fahrtenbuch. Nun waren wir jedoch bei MO nicht verpflichtet, für die Dauertest-Motorräder amtliche Fahrtenbücher zu führen. Das waren eher Notizhefte, in denen die Testfahrer alles reinkrakelten, was ihnen eben so auffiel. Kurz: Das Fahrtenbuch entsprach in keinster Weise polizeilichen Ansprüchen an die Beweisaufnahme. Herr Hinderhofer warf mir sogar vor, ich habe das Notizbuch manipuliert – ein Vorwurf, der mich sehr traf. Noch dazu war er schwer nachvollziehbar, denn wie will man das Malbuch von Zweijährigen schon groß bösartig manipulieren?

Schließlich besuchte er uns in der Redaktion. Gönnerhaft sagte er, wir wüssten doch alle, das sei alles Quatsch mit meinen Behauptungen, und ich solle nur alles zugeben, meine Punkte kassieren und der Fall wäre abgehakt. Aber ich sah nicht ein, wieso ich Punkte kassieren sollte, nur um ihm die Arbeit zu erleichtern. „Haben Sie sich schon bei meiner Schwester gemeldet?“, fragte ich stattdessen. „Die hat sich sehr einsichtig gezeigt, als ich sie deswegen anrief. Sie würde das einfach zahlen.“ Daraufhin verließ Herr Hinderhofer das Gebäude, mit Drohungen, er werde zurückkehren. Ich war sehr dickköpfig und mein Bürokollege Maik Schwarz stand dem in nichts nach. Er amüsierte sich köstlich und stachelte mich daher nach Kräften auf. Wenn die Polizei mir Punkte geben wollte, musste sie ihre Anschuldigungen schon belegen.

Flüchtige hinter der Tür

In der folgenden Zeit setzten beide Seiten ihre jeweiligen Taktiken fort. Maik und ich blieben stur; Herr Hinderhofer versuchte, uns bis zur Punkteannahme zu zermürben. Wieso ihm so wichtig war, dass ich bestraft werde, habe ich nie verstanden. Die Gemeinde Leutkirch hätte ihr Geld zu diesem Zeitpunkt längst haben können. Wahrscheinlich ging es um ein Prinzip. Also wurden Anrufe und Besuche von Herrn Hinderhofer alltäglich.

Er versuchte, Maik zur Aussage zu bewegen, er wisse genau, dass ich gefahren sei. Maik konterte mit der Wahrheit: Er war nicht dabei, als der Blitzer da im Allgäu blitzte. Herr Hinderhofer versuchte es mit dem Druck der Vorladung, die man ja auf gannz ungünstige Zeitpunkte legen könne. Er besuchte uns auch, angemeldet und unangemeldet. Bei einem seiner unangemeldeten Besuche sprang er in unser Büro, guckte hinter die Tür und fragte: „Wo ist er, der Gleich?!“ Zu meinem großen Bedauern habe ich diese Comedy-Szene nicht selber erleben dürfen. Maiks Erzählung musste reichen.

Wir lachten Tränen. In der Ermittlungswelt des Herrn Hinderhofer versteckten sich Verdächtige offenbar hinter Türen, und man rief laut, um sie zu finden. Seitdem denke ich ernsthaft über eine lukrative Karriere als Einbrecher in Degerloch nach. Als Maik mir das erzählte, dachte ich jedoch zuerst an einen seiner Witze. Der Polizist hatte mich bisher jederzeit per Telefon oder Termin gut erreicht. Es gab überhaupt keinen Grund, ihm irgendwie auszuweichen. Er hatte meine Adresse, meine Arbeitszeiten, meine Telefonnummern. Als ich ihn anrief und das als Logikkette darlegte, glaubte er mir wieder kein Wort. Langsam begann ich ernsthaft, an eine geistige Erkrankung des Herrn zu denken, denn so freundlich er auch auftrat: ganz normal war er nicht.

Das Olympia-Team der Kugelstoßerinnen vor Gericht

Irgendwann wurde es der Gemeinde Leutkirch zu bunt. Sie strengte ein Gerichtsverfahren in Leutkirch an, denn Herr Hinderhofer hatte offenbar ausreichend überzeugend dargelegt, dass mein Fall klar zu gewinnen sei. Maik und ich waren vorgeladen, dazu der Stadtbeamte, der im Blitzerauto das Nummernschild aufgeschrieben hatte. Maik und ich fuhren zusammen hin und trafen uns vorher morgens bei ihm zuhause. Als ich zur Tür hereinkam, reichte er mir einen Kaffee und einen Stapel Blätter. Sein Gesicht sah aus wie das der Grinsekatze aus dem Wunderland. „Ich habe für heute etwas vorbereitet“, sagte er. Mir schwante Übles.

Mir schwante richtig: Maik hatte Fotos von der Weltklasse der Damen im Kugelstoßen ausgedruckt, denen er mit MS Paint Motorradhelme über die Köpfe geklebt hatte. „Damit zeige ich, dass man eben nicht eindeutig unterscheiden kann, ob unter Motorradkleidung ein Mann steckt oder eine Frau“, grinsekatzte er. „Maik, bitte!“, rief ich. „Wir haben gerade wirklich andere Probleme als dumme Witzle reißen.“ Maik bestand darauf, keine Witze zu machen, sondern unseren Fall zu stärken. Ich bestand darauf, dass er seine fatale Liebe zum Kalauer anders ausleben müsse als ausgerechnet vor Gericht.

In Leutkirch vor dem Gerichtssaal trafen wir meinen Anwalt für Verkehrsrecht. Der Mann war sehr freundlich, kompetent und sah den Fall als mehr oder weniger schon gewonnen an. Ich entspannte mich. Da kam Maik (natürlich grinsend) mit: „Ich habe auch noch etwas vorbereitet!“ Die gottverdammten Bilder, er hatte sie doch mitgeschmuggelt! „Maik, bitte, pack den Scheiß weg!“, schrie ich ihn an. „Beachten Sie ihn gar nicht, er hat ein schweres Humorproblem!“, sagte ich zum Anwalt. Zu meinem unbeschreiblichen Entsetzen nahm der Anwalt jedoch Maiks Tintenstrahldruckerergüsse an sich mit einem einem furztrockenen: „Ja, das kann ich vielleicht anbringen.“ Und dann ging auch schon die Verhandlung los.

Wie man auf ganzer Front verliert

Der Richter war ein etwas älterer Mann mit einer Frisur wie Ludwig van Beethoven. Er hatte solche Fälle bestimmt drei Mal die Woche und entsprechend wenig Geduld mit dem Einzelfall. Er zitierte Herrn Hinderhofers Ermittlungen. Ich zitierte mich selbst damit, dass diese Ermittlungen ja ein bisschen peinlich seien. „Hat denn je jemand überhaupt bei meiner Schwester angerufen?“, fragte ich. Nein, hatte niemand. Letztendlich trugen die als mangelhaft wahrgenommenen Ermittlungen entscheidend zum Endurteil bei. Der Todesstoß kam jedoch per damengestoßener Kugel.

Wenn es einen Award gäbe für „trocken liefern“, der Anwalt hätte ihn in Gold mit Schleifchen verdient gehabt. „Man kann das Geschlecht eines Menschen unter Motorradbekleidung nicht zuverlässig beurteilen“, sagte er und trat vor ans Richterpult. „Wir haben daher eine Grafik vorbereitet.“ Damit knallte er Maiks Kugelstoßerinnen aufs Holz. Der Richter griff danach und knetete sein Gesicht sekundenlang im Versuch, nicht zu lachen. Man muss ihm zugestehen, dass er es schaffte, wenn auch knapp. Als Zeuge der Anklage gab der Nummernschildaufschreiber die Gegensicht zu Protokoll: „Wenn ich eins weiß, dann dass das ein Mann war.“ Damit konnte er gegen Maiks Olympiateam nicht anstinken. Der Fall war gewonnen.

Danach saßen wir im „Chez Maik“, dem Burger King, an dem wir das Auto geparkt hatten, den Maik vor der Verhandlung schon als Mittagsessenort ausmachte und ihn als gutes Omen sah. „Ich hab doch gesagt: Die Bilder werden voll der Hit sein!“, sagte er. Zumindest vom Unterhaltungswert her hatte er ja Recht. Die Gemeinde Leutkirch musste das Verfahren zahlen plus Fahrtkosten plus Verdienstausfälle von Maik und mir. Bei meiner Schwester hatte niemand angerufen. „Ich verstehe nicht, wieso sie nicht einfach das Geld genommen haben“, sinnierte ich ob der Rechnung, die Leutkirch nun stattdessen bezahlen musste. „Es geht da halt ums Prinzip“, schmatzte Maik philosophisch. Meine Schwester darf aber glaube ich nicht mehr mit einem Dauertester fahren …

Spende 2 Euro für die Degerlocher Kojak-Gedenkstiftung! ?

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Kommentare:

ältere
  • Björn meinte am 13. März 2017 um 21:38:

    DER IST GUT!
    Danke!

  • Ernie Trölf meinte am 13. März 2017 um 22:09:

    Sehr schön. 😀

  • Volker meinte am 14. März 2017 um 11:03:

    Diese todernste Geschichte kam genau richtig um mich in ein tiefes Dunkel der Depression zu stossen. Nicht.

    Danke dafür!

    Mehr davon!

    Chez Maik, wie schön.

  • Jürgen 'JvS' Theiner meinte am 14. März 2017 um 11:41:

    Diiiise gud! Geniale Geschichte ;-))

  • markus meinte am 14. März 2017 um 12:41:

    Schöne Geschichte, aber das Foto vom Fahrtenbuch ist der Kracher. :-))

  • Volker meinte am 14. März 2017 um 19:57:

    Servus Clemens!

    Ja, so ist das mit Oberwachtmeister Pudlich und seinen Kumpanen. Sie denken, das Katz-und-Maus-Spielchen mit Überwachungsmaßnahmen an „Unfallschwerpunkten“ (schwerpunktmäßig hat man her wohl eher den zu erwartenden Reibach im Fokus) wäre unilateral gestrickt: Polizist=Katze, Kraftfahrer=Maus.

    Nur leider muß sich auch die Katze ihr Fressen verdienen: Schon öfter ging es mir so, daß man im Bußgeldverfahren seitens der Exekutive bluffte und ich vor Gericht sehen wollte. Meist kam da aber nichts.

    Bissl komplett erfundene Belletristik gefällig, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen…? Hier bitte: http://bartheld.net/owi/. Wurde vor Gericht kassiert.

    Am Krad hilft auch gerne einfach der Wunsch nach Akteneinsicht in die Beweismaterialien, die lt. Strafzettel angeblich existieren.

    Grüße,
    Volker

    P. S.: „Das Geld nehmen“ darf die Ordnungsbehörde freilich nicht. Denn es ist ein Bußgeld und sowas gibts natürlich nur von demjenigen, der mit der Zahlung seinen Delikt anerkennt. Genausowenig darfst Du Dich in Deutschland zu einer Ordnungswidrigkeit bekennen, die Du gar nicht begangen hast (z. B. die Punkte für einen Fahranfänger oder verkehrsauffällig gewordenen Piloten übernehmen).

    Das kann Dich nach § 164 Abs. 2 StGB, § 258 StGB, § 145d StGB vor den Kadi und ggfs. sogar ins Kittchen bringen.

    Deswegen ist besser beraten, wer schlicht von seinem Auskunftverweigerungsrecht Gebrauch macht und der Rennleitung die stichhaltige Beweisführung überläßt. Bei einem undeutlichen Frontfoto nebst händisch hingekritzeltem Kennzeichen dürfte das einigermaßen schwerfallen.

  • Xir meinte am 15. März 2017 um 15:44:

    Genau, Sie können das Geld gar nicht nehmen, wenn nicht einer zugibt der Täter zu sein (bzw. überführt wird)
    Der Chef einer Niederländischen Firma hat Jahrelang angeboten die Deutschen Bußgelder seiner Fahrer zu bezahlen, musst nach Niederländischem Recht aber nicht die Namen nennen (in der NL wird grundsätzlich erstmal der Halter belangt, er kann es dann gerne weiterreichen).
    Bezahlen durfte er nie, da er ja eindeutig nicht der Fahrer war.

  • Alexander meinte am 17. März 2017 um 23:06:

    Hallo Clemens!
    Lustige Sache aus meiner Heimatstadt Leutkirch im Allgäu oder war es die Gemeinde Leutkirch bei Salem?
    Amüsant, auch wenn auch für dich es erst mal mit viel Aufregung und Zeit in Verbindung einherging
    Letztendlich heißt es „In dubio pro reo“!
    Keiner konnte nun beweißen wer nun das Kraftrad gefahren hatte.

    Schönen Gruß
    Alex

    • Clemens Gleich meinte am 18. März 2017 um 19:01:

      Es war Leutkirch im Allgäu. Der Richter sagte auch, dass es dann eben keine hinlängliche Beweislage gebe. Eigentlich sollten wir eh auf das umstellen, was die meisten machen: Halterhaftung. Die nordirischen „Crime Stoppers“ schrieben mit zb damals: „Sie sind zu jeder Zeit verantwortlich dafür, wer das Fahrzeug fährt.“ Und fertig.

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