Ratzepimmelkurz: Energica Eva 2017

Jetzt ist mir doch noch etwas eingefallen, das hierher gehört und das hier auch regelmäßiger passieren kann: Wenn ich egal wann egal was ausprobiert habe, wollten Kollegen oder Interessierte eigentlich am häufigsten eine kurze Antwort auf die Frage hören: „Tauchd das was?“ Da sich bei der Suzuki GSX-R 1000 Lange-Riemen-Gewohnte beschwerten, weil sie wahrscheinlich etwas Anderes erwarteten, schreibe ich da jetzt in Erinnerung an den lieben Onkel Hotte „Ratzepimmelkurz“ davor, damit sie etwas Kleines und potenziell Hässliches erwarten. Zu Beginn richten wir den Ratzepimmel auf die Energica Eva. Kann man jetzt mit dem Eimer fahren oder was?

Ja, man kann. Mehr noch: Macht auch Spaß, auf eine bigbikeige Art und Weise, mit diesem superschmuuven Motor Kehren abzusurfen. Etwa 100 bis 150 km Kehren schafft man, dann muss sie an eine Spannungsquelle. Anders als die versammelte Konkurrenz hat Energica Platz für einen Gleichstrom-Schnelllader gefunden, an dem sie mit 18 kW (nächste Version: 20 kW) lädt und daher in vertretbarer Zeit neue potenzielle Kilometer ansammelt. Die fette Eva (280 kg) ist also der erste elektrische Roadster, den man mit geplantem Tankstopp an einem Tag fahren kann, wenn eine Auto-Schnellladestation in der Nähe ist. Gut. Kommen wir zum Schlechten.

Die Eva kostet mindestens 30.226 Euro. Sie eignet sich nur für Leute, die direkt in einem tollen Revier leben, alles mit Anfahrt wäre mir schon zu blöd, denn dann machen An-/Abfahrt sehr schnell den größten Teil der Akkureichweite aus. Und aus ökologischen oder ökonomischen Gesichtspunkten bringt dich der Gerät auch nicht weiter, weil du den Break Even im Vergleich zu deiner alten Yamaha in diesem Leben nicht mehr erreichst. Die Eva zeigt also, dass man einen elektrischen Roadster bauen kann, und gleichzeitig, warum das kaum jemand tut: Der Elektroantrieb schreit mit heutiger und kommender Akkutechnik nach klar umrissenen Einsatzgebieten. Aber ich möchte die Leistung der Italiener nicht schmälern: Wenn die Fahrleistungen weiter sinken, stimmt auch das irgendwann nicht mehr. Ich verhandele schon mit Zero, mal eine von ihren Maschinen zu fahren.

Fahren macht nach kurzer Gewöhnung an das Gewicht echt Laune.

Energica Eva MJ 2017

Ist: eine fette Freudenspenderin.
Kostet: 30.226 Euro.
Leistet: 109 PS (80 kW) bei 6.000 U/min
Stemmt: 180 Nm bei 0 U/min
Wiegt: 280 kg.
Tankt: 11,7 kWh.
Hat: gezeigt, dass man heute schon einen elektrischen Roadster bauen kann. Und warum das kaum einer tut.

Bilder: Energica

Hier findest du einen ausführlichen Bericht (Heise/Autos).

 

"Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Ratzepimmel heiß'!" "Wieso, das steht doch da auf deinem Tieschört." ?

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Kommentare:

ältere
  • Frank meinte am 3. September 2017 um 21:33:

    Hundert Kilometer mit zügigem Tempo, das ist ein Witz – ich dachte, dass sie schon weiter wären. Ich bin vor zwei Jahren mal den BMW C-Evolution Roller gefahren, der etwa die Hälfte kostet, aber mindestens genauso weit fährt. Und für einen Roller, den man vielleicht zum Pendeln benutzt (in Paris, London und Rom gehören Roller mit dem Kaliber zum festen Straßenbild) ist die Reichweite auch voll ausreichend. Schnelladefähigkeit braucht man nicht, eine Schukosteckdose zuhause reicht aus. Und sogar der für einen Roller extrafeiste Preis von 15 K relativiert sich, wenn man sieht, dass BMW für das in den Fahrleistungen vergleichbare Benzin-Pendant 12 K will.

    Aber ein Roadster für 30 Riesen, bei dem jede Pässetour mit leuchtender Reserveleuchte anfängt? Nee, oder. Zudem: Derzeit entsteht ein Netz aus Schnelladestationen in Europa, die aber vor allem die Auto-Durchgangsstrecken versorgen werden, also dort wo Motorradfahren aus guten Gründen nicht stattfindet. Und noch was: Notfalls muss man den Ingenieuren von Energica und von Harley mit dem Vorschlaghammer klar machen, dass ein Elektro-Bike leise zu sein hat. Sonst nützt es nichts gegen Streckensperrungen.

    • Clemens Gleich meinte am 4. September 2017 um 12:21:

      Der C Evolution fährt nicht mindestens 100 km, sondern im Stadtbetrieb höchstens etwa 110, dann aber wirklich mit Abschaltung nach langsamem Notlauf. Haben wir ausprobiert (München & Stuttgart). Überland schafft der Roller im Pendelbetrieb etwa 80 km, bei einem immer-schnell-Fahrer waren es einmal nur 60. Die hohen Preise von Roller und Eva stammen aus ihren Batterien. Ich bin daher ein Freund von Komplettlösungen wie etwa „Freeride E im Naturschutzgebiet Ötztal als Aktion der Area 47 fahren“ oder Hallen-Supermoto elektrisch, weil dann das System auf den Elektroantrieb abgestimmt werden kann. Wild streunern (also DIE Roadster-Anwendung) geht nicht ohne gigantischen Akku, der zu schwer wäre für einen richtigen Roadster. Von daher finde ich Energicas Ansatz mit dem Schnelllader als die derzeit richtige Lösung. Ohne Schnelllader kannst wirklich nirgends hinfahren, mit Schnelllader war es in den Alpen so, dass die anderen beiden noch eine Nachmittagstour dranhängten (ich musste zurück nach Stuttgart).

      Das mit den Schnellladern sehe ich weniger kritisch, weil in den schönen Gegenden häufig mehr Lader stehen, denn dort investieren die Leute in sowas aus Umweltgründen. In den Alpen schaut es daher besser aus als in der deutschen Braunkohleplatte. Die Harley ist viel zu laut, da bin ich bei Dir. Die Energica finde ich jedoch in Ordnung von der Geräuschentwicklung. Aber wegen mir könnten sie das Getriebe einfach schräg verzahnen, dann wäre sie fast unhörbar.

      • Frank meinte am 4. September 2017 um 14:15:

        Meines Wissens hat der C-Evolution jetzt neue Akkus und fährt etwas weiter als der alte. Ansonsten: d‘accord.

        • Clemens Gleich meinte am 4. September 2017 um 14:37:

          Interessant, wusste ich noch nicht. Danke!

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