Jakobsweg per Vorspultaste

Diese Geschichte schrieb ich für die Zeitschrift „Motorradfahrer“ in 2016. Sie lag fast ein Jahr in der Redaktion herum, bis sie veröffentlicht wurde. Vielleicht gibt das dem Laien einen Einblick, wie dosiert der hochgeschätzte Kollege Guido Saliger mit seinem Budget umgehen muss. Und damit sind wir genau beim damaligen Thema:

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die kleine Industrie des Erlebens und darüber Schreibens schabt schon seit einiger Zeit mit beiden Backen über scharfkantiges Grundeis. Der Medienwandel. Weniger Leute lesen von Papier, das sie kaufen. Mehr Leute lesen von Bildschirmen, die sie zwar ebenfalls gekauft haben, aber halt nicht von einem Verlag. Der bietet Artikel übers Internet meistens kostenlos mit Werbung an, was ihm deutlich zeigt, dass der Medienwandel auch die Werbeindustrie mit dem Gluteus Maximus über die Eisfeile zerrt. Für die meisten Verlage bedeutet dieser Medienwandel deshalb, dass es, was sie auch tun, jedes Jahr etwas weniger Geld zu verdienen gibt.

Entsprechend erhitzten sich die Gemüter. Die Geduld wurde kurz, der Ton scharf. Redaktionen kasteien sich heute entweder selbst wie Büßerklöster oder pushen sich auf, als spielten sie gleich im Super Bowl. Dazu kommt, dass jeder Facebook-User ein Coach ist, der weiß, wie man in den Medien heute Geld verdient. Er macht es nur nicht. Hat keine Zeit. Muss Ratschläge schreiben. Fußballtrainer, Lehrer und Polizisten wissen genau, was ich meine. Das alles bewog mich zur Überlegung, vielleicht doch noch einmal etwas Anderes zu tun, zum Beispiel programmieren, wie damals. Programmierer finden gerade überall haufenweise Arbeit mit wenig von dem Geschrei, das in den Medien aus den blanken Nerven resultiert. Andererseits hatte es ja einen guten Grund, warum ich dereinst vom Programmieren hierher kam: Ich liebe das Geschichtenerzählen.

Nachdenkliche Reisen mit Bildern

Solche Entscheidungen trifft der Deutsche traditionell auf einer nachdenklichen Reise. Also rief ich Philipp an, wir machten die Honda VFR 800 F und die KTM 1190 Adventure startklar und fuhren los nach Santiago de Compostela, denn wenn es einen nachdenklichen Zielort einer Tour gibt, dann die Kathedrale dort. Das wusste schon Hape Kerkeling. Ich wusste eigentlich nichts über den Jakobsweg, und ich unterließ es nach kurzem Nachdenken mit Absicht, mich vorher darüber zu unterrichten, damit die Eindrücke ungefiltert wirken könnten.

Eigentlich wusste ich nur, dass man ein sauberes weißes Hemd im Gepäck haben solle, das man in Santiago anziehen kann. Ein Kindertagesstätten-Psychologe erzählte mir das als Zivildienstleistender, und es klang so gut, dass ich es nie nachprüfte: Wer etwas auf sich hält als Pilger, hat ein weißes Hemd dabei für die Kathedrale. Ich nahm mir fest vor, ein tolles weißes Hemd zu kaufen, was ich sofort wieder vergaß. Es fiel mir 1000 Kilometer später irgendwo in Frankreich wieder ein, kurz vor Ladenschluss des Carrefour, der letzten Gelegenheit. Natürlich passte das letzte verfügbare echte Hemd nicht, aber ich dachte mir: Dann muss Gott eben mit Polohemden vorlieb nehmen. Ich kaufte extra BIO-Polohemden. Gott steht voll auf bio! Hoffe ich.

Bio-Polohemd aus dem Supermarkt. Gott steht auf bio. Hoffe ich.

Was mich wie so oft erfreut und beeindruckt hat, war die französische Autobahn: Sie ist so leer und so gut in Schuss, dass man ohne arge Überschreitungen und trotz der Mautstationen Schnitte in Fahrt von etwa 130 km/h erreicht. In Deutschland bist du über einen Tag auch nicht schneller, oder höchstens im entvölkerten Osten. Wir skippten Frankreich wie einen Song aus dem iPod – nicht, weil wir unbedingt auf Perlen wie die Vogesen verzichten wollten, sondern weil ich nassforsch ein verlängertes Wochenende als völlig ausreichend für die gut 4000 km Strecke deklariert hatte. Frankreich, wir hören dich ein andermal an. Zur Fahrt brauchten wir schlicht deine gute Infrastruktur.

Außer der Autobahn nahm ich noch eine weitere bezeichnende Erfahrung mit: Im Südwesten Frankreichs ist der Motorradfahrer ein gefürchtetes Wesen. An Tankstellen muss er hineinkommen und den Helm abnehmen, vorher geht die Pumpe nicht an. Beim Picknick flohen die Familien vor uns, was uns in unseren überversicherten teutonischen Polyesterhosen etwas übertrieben erschien. Aber immerhin machten alle Platz, wenn sie den Scheinwerfer eines Einspurfahrzeugs sahen. In Frankreichs Supermärkten mit Salami, Käse, Weißbrot und Biopolohemden versorgt, rollten wir in Spanien ein. Da bis dahin durchgängig unter 10° C geherrscht hatten, hoffte ich voller Dummheit auf Wetter wie in Marbella. Aber es heißt nicht umsonst NORDspanien. Wir fuhren in bemerkenswert konstant 8° C kaltem Regen. Unsere Gebete galten den Firmen BMW und Stadler, die uns trocken hielten, und unsere Heizgriffe waren von rund 4000 Kilometern rund 4000 an.

Kalter Camino

Der kalte Regen trieb uns schneller vorwärts, denn fahren mussten wir sowieso, aber in so einem Siff trafen wir die Wahl, mehr Kilometer auf der Autobahn zu schaffen. Die Autobahnen in Spanien sind allerdings viel weniger für Regen gebaut als die in, sagen wir: England. Die Markierungen wurden im Nassen sehr glitschig. Bei der Kälte forderte das einige Konzentration. Ich war sehr froh, dass die VFR eine Eigenschaft zeigte, die an einer Honda sehr wichtig ist: Sie gibt dir das Gefühl, dass sie dich, egal was sonst noch passiert, nach Hause bringen wird. Rechne mit allen Sorten von Problemen, aber rechne auch damit, dass die VFR keines davon sein wird.

Ein anderer technischer Aspekt war außer der Honda noch beteiligt an unseren Tagesetappen zwischen mindestens 750 und bis 1000 km am Tag: mobiles Internet. Früher verging ein beträchtlicher Teil des Abends damit, eine brauchbare Übernachtung zu finden. Doch mit den Mitteln der Moderne lief es so: Philipp streichelte mittags sein großes Telefon, wir wählten eine gut beleumundete Herberge von Booking.com oder ähnlichen Plattformen aus, und dann konnten wir gezielt nach Navi auf Strecke fahren, im warmen Bewusstsein, dass ein Bett bereits gebucht war. Schätzungsweise hilft das im Schnitt, mindestens 100 km mehr Tagesfahrleistung zu schaffen. Nachahmenswert.

Diese Logistik brachte uns wegegünstig gelegene Übernachtungen ein, die wir nie gefunden hätten, weil sie zehn Meter von der Fahrstraße entfernt lagen, einmal mit einer echten spanischen Tapas-Bar um die Ecke, die man daran erkennt, dass es dort erstaunlich gutes Essen für fast kein Geld gibt und folglich auch stets eine Menge Locals. In Santiago fand Philipp ein höchst angenehmes Zimmer; 20 Meter entfernt vom Seiteneingang der Kathedrale. Es war sauber, hatte einen automatischen Holzpelletofen mit schöner Guckglasfront und zwei ausgezeichnete Einzelbetten für einen wirklich fairen Preis. Wir drapierten unsere triefende Kradkleidung um den Ofen und zogen aus in die Kathedrale.

Der betrunkene Gott

Sofort kehrten wir wieder um, denn es lief eine Messe, die ich nicht mit dem Geklacker der Spiegelreflexkamera stören wollte. Eine alte Frau bot an der Tür irgendwelches Gestrüpp feil, zu einem von mir wählbaren Preis. Ich gab ihr einen Fünfer, was stark unüblich gewesen sein muss, denn daraufhin behandelte sie mich wie einen geistig Behinderten. Ich band das Zeug später auf die Honda. Es roch komisch. Daheim in Stuttgart warf ich es in den Kamin und anhand der beachtlichen Flammenentwicklung hege ich nun den Verdacht, dass der komische Geruch ein Brandbeschleuniger war und das Gestrüpp ein Brandopfer, wie in der Bibel beschrieben. Hätte ich das geahnt, hätte ich es nicht 2000 km weit am Beifahrersitz festgebunden spazierengefahren auf dem Rückweg.

Santiago ist eine bemerkenswerte Stadt für Touristen, aus einem schlichten Grund: Der typische Tourist ist hier ein Pilger, und der typische Pilger hat kaum Geld. Folglich müssen die Preise am Boden bleiben. Wir tranken unser Anlegerbier und genossen eine äußerst angenehme Eigenart beim Bier servieren: zu jedem Bier gibt es kostenlos etwas zu essen, und zwar nicht ein paar Erdnüsse, sondern richtiges Essen, nur klein portioniert. Zum ersten Bier gab es angemachtes Gemüse, zum zweiten einen vorzüglichen Kichererbseneintopf, zum dritten gab es Minipizzastücke. Wer in Santiago etwas Anderes bestellt als Bier, muss bekloppt sein, dachte ich mir und bestellte nur Bier.

Als nach meinem im alten Bayernkatholizismus gewachsenen Verständnis die Messe vorüber sein musste, liefen wir ein zweites Mal die Kathedrale an, um festzustellen, dass sich hier am Pilgerort natürlich eine Messe an die nächste reiht. Da mussten die Pilger dann doch durch das Geklicker des Verschlusses. Man vergebe mir in christlicher Nachsicht. Man vergebe mir auch, dass ich sehr laut flüsterte, wie es der Mensch im angeschickerten Zustand eben tut, im Wahn, keiner bemerke seinen prekären Zustand. Viele merkten das. Und Gott merkt doch alles. Miserere mei, Deus.

Die vollständige Profanität

Philipp war schon einmal auf einem Jakobsweg, in Spanien losgelaufen gen Norden. Was ihn damals schon tief enttäuschte, war die vollkommene Profanität des Wegeziels. Es gibt keine Kerzen mehr in der Kirche, es gibt Automaten, die nach Einwurf eines Euros eine LED anschalten. Manche nehmen jetzt auch Scheine. Der Kreditkartenschacht, der Touchscreen für Paypal, alles nur eine Frage der Zeit. Wenn ich nicht innerhalb von drei Tagen im Sitzen auf dem Motorrad hier wäre, sondern monatelang blasigen Fußes hergelaufen, würde mich das stören. Denn wie geht es denn weiter mit den meisten Pilgern, die ihr Ziel erreicht haben? Zack, zum Flughafen, ab in den Bumsbomber zurück nach Hause. Was für ein Kulturschock das sein muss! Vielleicht tun diejenigen es am schlauesten, die auch den Rückweg per pedes nehmen.

Folglich ermächtigte sich meiner ein Gefühl von „alles richtig gemacht“, als wir auf dem Rückweg einen unerwarteten Streifen guten Wetters nutzten, das unbekannte Nordspanien zu erkunden. Kurz waren wir in einem Keltentraum voller Heuböden, die aussahen, wie ich sie nie gesehen habe und nie wieder fand, dann erhoben wir uns auf einsamen Bergstraßen über die Flusstäler, dann wieder kehrten wir in Bierschänken mitten auf dem Jakobsweg ein, wo man uns fragte, ob wir Pilger seien in unseren Polyesterpanzern. Pilger nur in eigener Sache, Amigo. Aber erklär das mal in minimalstem Pidgin-Touristenspanisch. Als wir auf dem Rückweg Frankreich ein zweites Mal größtenteils skippten, dachte ich tatsächlich: „Ist das schön, dieses Leben auf dem Motorrad! Ich wünschte, ich könnte das beruflich machen. Warte mal …“ Also schrieb ich dann daheim doch keinen Code. Sondern diese Geschichte.

Gib mir 2 Euro für ein neues Bio-Polohemd! Der aufgewirbelte Straßendreck am auf dem Heck transportierten ging nie mehr raus ... ?

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Kommentare:

ältere
  • Sebastian meinte am 31. Mai 2018 um 12:52:

    Hallo Clemens,

    Wieder einmal Dankeschön für einen unterhaltsamen Artikel. Ich hab kein Paypal, würde Dir aber gerne was einwerfen.

    Schöne Grüße,
    Sebastian

    • Clemens Gleich meinte am 31. Mai 2018 um 12:55:

      🙂

  • groberunfug meinte am 6. Juni 2018 um 20:51:

    Ein schöner Bericht, vielleicht mach ich mal einen Abstecher nach Santiago…
    Aber was mir gerad in der Einleitung so auffiel weil ich den Artikel noch verteilt hab, warum verkaufen die Verlage keine Monitore?

    • Clemens Gleich meinte am 6. Juni 2018 um 21:10:

      Weil jeder schon so viele Monitore hat?

  • Tobias meinte am 14. Juni 2018 um 14:08:

    Du hast die Maschinen nicht umgeschmissen, sondern schlafen gelegt. Wie nett sie drapiert wurden, hach ,-)

  • markus meinte am 15. Juni 2018 um 18:23:

    Hach, schön. Danke.

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