No moar Superbikes

Ende letzten Jahres habe ich mit der metaphorischen Heckenschere alles aus meinem Arbeitsleben geschnitten, das wenig Geld bei viel Arbeit brachte. Das tat sehr gut. Dieses Jahr sind die Sachen dran, mit denen ich funktional unzufrieden bin. Der größte Strauch: Ich werde bis auf weiteres keine Superbikes mehr auf der Rennstrecke testen. Das nicht, weil das nicht Spaß macht (es macht superviel Spaß), sondern weil ich meinen Fahrfertigkeitsstand nicht mehr vertreten kann – rein vor mir selbst. Ich war dieses Jahr ein einziges Mal auf der Rennstrecke und 2017 kaum mehr. Wenn ich über Snowboards schrübe, würde ich mich bei einem Pisteneinsatz im Jahr genauso fragen müssen, ob das noch untersten Ansprüchen genügt. Ich erinnere mich an den letzten Rennreifentest. Auf der Gixxer eierte ich durch den Einschwing-Turn wie der erste Mensch. Der zweite wurde kaum besser. Im dritten erinnerte ich mich langsam, wo es langgeht. Das ist nicht, wie ich so ein Thema angehen will. Wenn Not am Mann sein sollte, werde ich noch vertreten, aber dann ist die Dienstleistung der Notfall. Ansonsten gibt es sicher keinen Mangel an besser trainierten Leuten, die gegen Bezahlung und Schnittchen über eine sonnige Rennstrecke fahren wollen und danach aufschreiben, dass das Spaß gemacht hat. Dafür brauchts mich ned. Im Gegenteil dürfte alles entspannter sein, wenn ich zur Kawa-Zehner ned jedes Mal schreibe, dass die auf diese Art gebaut kein Mensch braucht außer Jonathan Rea als Homologationsgrundlage.

Das Feedback zu meiner Entscheidung lautet bisher meist so: „Aber der Soundso, guck mal, wie der fährt, undsoweiter.“ Das ist für mich egal. Die Soundsos sind alle selber groß und Profis und wissen, wie sie ihre Arbeit gestalten wollen. Jeder muss seine eigenen Vorstellungen des Berufs verfolgen. Meine Vorstellung war es, halbwegs Rennstrecken-fit zu bleiben, also gelegentlich zu trainieren. Selber Trainings bezahlen konnte ich mir auf Dauer nicht leisten. Betteln funktioniert schlecht und man will es auch nicht wirklich. Und die Geschichte „Wie ich fahren lernte“ fällt jedem Redakteur einmal ein, bis ihm bestenfalls kurz darauf einfällt, dass diese Geschichte ausgelutschter ist als ein Pornopimmel. Die einzige Story dieser Art der letzten Zeit, die mir gefallen hat, war Tobis Einsatz im R6-Cup, für den er sich den Arsch bis zu den Ohren aufgerissen hat und die Kontaktressourcen bis zum Anschlag ausgereizt. Passt sowieso nur in die PS. Ein freundlicher Mensch schlug mir vor, Veranstaltungsberichterstattung zu machen und dann könnte ich dabei auch mal auf die Strecke. Das fand ich sehr nett. Ich kenne jedoch auch die Fahrwerk-Mechs, wie sie immer hoffnungsfroh ihre Maschinen mitbringen, weil für sie häufig dasselbe gilt. Die bleiben stets auf dem Hänger, denn ein Umstand bleibt gleich, ob Fahrwerk oder Reporter: Wenn du deine Arbeit gescheit machen willst, wirst du praktisch nie fahren. Und wenn du sie nicht gescheit machen willst: Was tust du dann dort? Es war mir wichtig, es zu versuchen mit Rennstrecke bisschen besser, gerade im Freischreiber-Dasein. Es ist mir aber auch wichtig, ehrlich zu bleiben: Hat halt ned geklappt. Die Möglichkeit des Fehlschlags liegt in der Natur des Versuchs.

Im Boom-Thema „Maschinenlernen“ habe ich mich mit erheblichem Aufwand eingelesen, selber einen automatischen Hunnt-Erkenner gebastelt und mich mit Dutzenden Experten unterhalten. Das tut mir gut, wenn ich ein Thema so angehen kann. Gescheit. Das ist bei Superbike-Rennstreckentests längst nicht mehr so – auch nicht, wenn ich mit vom Hersteller unabhängigen Rennfahrern sprechen kann für deren Einschätzung vom oberen Ende der Fahnenstange und mein Steckenpferd bedienen kann: Technikdetails aus den Ingenieuren kitzeln. Solange du zu 101 Prozent damit beschäftigt bist, dich auf der Strecke, auf dem Superbike zu orientieren, wirst du derweil minus 1 Prozent über dessen Eigenschaften herausfinden. Man kann sich das alles sicherlich im Nachhinein zusammenphantasieren, aber zum Phantasieren (oder Technik herauskitzeln) muss man nicht im Bumsbomber um die Welt jetten.

Vielleicht kann sonst bei mir angefragte derartige Termine künftig der Herr Hamprecht machen, dann hat der auch bisserl mehr Übung. Ich werde sicherlich noch privat mit Kumpels auf Rennstrecken gehen, wie es eben Geldbeutel und Zeit erlauben. Es macht mir weiterhin eine Menge Spaß. Nur das professionelle Superbike-Testen bringt‘s halt so nicht. Solche Zustände können sich wieder ändern. Es schaut nur derzeitigen State of ze Motorcycle Nation nicht so aus. Eher schaut es derzeit danach aus, als lebe ich immer mehr als Motorradleser, nicht -schreiber. Die Richtung der Print-Verkaufszahlenkurven aller unserer Motorradhefte haben sich nämlich nicht geändert, sie hatten nur mehr Zeit, weiter in ihre vorherrschende Richtung zu laufen. Damit schrumpft auch die Nachfrage nach Zuliefer-Artikeln. Schade, aber vielleicht unausweichlich. Wir werden sehen, wo der langfristig stabile Markt mit Papier voller Motorräder liegt. Alternativen zu Print sehe ich in Deutschland aktuell keine, die unabhängig funktionieren. Es schafft auch niemand, hier mal ein schönes Online-Magazin an den Start zu bringen, aus vielerlei Gründen. Dazu bei Gelegenheit mehr. Abwarten und Bier trinken. Ich harre derweil gespannt als Leser der Berichte über die kommende BMW S 1000 RR. Die finde ich sehr interessant – selbst, wenn sie kein Mensch brauchen sollte.

Kommentare:

ältere
  • Richie meinte am 22. September 2018 um 14:28:

    Gute Entscheidung von der Professionalität her gesehen, schlechte Entscheidung für die ganzen anderen Schwachzocker wie dich oder mich, die diese Berichte lesen. Der Profi wird wenig darauf geben was du schreibst, der kacknoob liest deine Berichte und fühlt sich verstanden.

    • Clemens Gleich meinte am 22. September 2018 um 17:48:

      Man würde es auch weiter machen können. Es geht mir hier um mich, ich muss ja mit meiner Arbeit zufrieden sein, denn sie begleitet mich dauerhaft.

      • richie meinte am 24. September 2018 um 12:18:

        Es geht also um dein Anspruchsdenken an dich. Du würdest gerne, so verstehe ich das, auf höchstem Profi-Niveau schreiben – aber für wen wäre das dann? Du schreibst für Leute, die sich gerne der Atmosphäre das Rundendrehens hingeben und für die ist es wichtiger, jemanden zu lesen, den sie verstehen als einen Testbericht von Vettel oder Hamilton über den neuen Huawei eSUV.

        Mach hal, was dich glücklich macht. Als Schreiberling benötigst du allerdings Zielgruppen, ich weiß nicht, ob du da alleine entscheiden solltests.

        • Clemens Gleich meinte am 24. September 2018 um 13:50:

          Missverständnis: Ich habe noch nie „auf höchstem Profi-Niveau“ ein Superbike bewegen können und hatte das auch nicht vor. Es gibt nur halt eine (jeweils persönlich bewertete) untere Grenze des sinnvollen Trainingsstands. Das verstehst Du als Berufskraftfahrer sicherlich sehr gut. Wenn es morgen Rennstreckengelegenheiten hagelt, nehme ich die Superbikes sofort wieder auf. Ist nur eher unwahrscheinlich.

  • Griesi meinte am 22. September 2018 um 14:37:

    Über ein schönes online Magazin würde ich mich auch sehr freuen.
    Oder auf den Artikel, warum es bei uns nicht funktioniert oder funktionieren kann.

    • Clemens Gleich meinte am 22. September 2018 um 17:48:

      Ja, schreib ich noch was zu. Patentlösungen hab ich halt wie immer auch keine, sonst hätt ich die ja längst an die Verlage verkauft.

      • Griesi meinte am 23. September 2018 um 11:08:

        Ich bin mir nicht sicher, ob Verlage die richtigen Ansprechpartner wären, für eine Patentlösung.
        Ich grübel da auch schon ein bisschen länger ohne Lösung.

  • Michel meinte am 22. September 2018 um 16:34:

    Eigentlich sprichst Du mir aus der Seele, aber ich habe mich mit dem Gedanken noch nicht angefunden. Könnte an meiner jugendlichen Unschuld liegen. Oder am Rennmopped, das ich mir letztes Jahr zum trainieren gekauft, aber seither nicht bewegt habe.

    • Clemens Gleich meinte am 22. September 2018 um 17:45:

      Was hast denn gekauft? Ist das schnell genug für Hockenheim? Weißt ja: Schwellen niedrig halten.

  • Volker meinte am 22. September 2018 um 18:05:

    Ich weiß ja jetzt nicht, wie es beim Superbike(zubehör)testen auf der Rennstrecke so zugeht, daher bitte ich vorauseilend um Verzeihung, falls ich Müll erzähle.

    Mir wäre es auf jeden Fall schon anstrengend genug, die _eigene_ Crossmöhre zu pilotieren, wenn das nur einmal im Jahr passierte. Und dieses Teil kenne ich wie meine eigene Westentasche, weil ich jede Schraube schon in der Hand hatte und jede Einstellmöglichkeit nutzte, damit mir das Ding paßt wie der vielzitierte Handschuh.

    Als jemand, der bis vor Kurzen so um die 20-30x im Jahr ein MX-Training mit reichlich 50 Nettofahrstunden absolvierte, würde ich mit viel Mühe vielleicht auch rausfinden können, ob der neue Pirelli soundso in Schräglage besser grippt als der gleichgroße Bridgestone vom vorvorletzten Jahr. De facto fahre ich aber gut abgehangene und runtergeräuberte Pellen, da grippt quasi _alles_ besser, was neu ist und ansatzweise Noppen hat.

    Wenn mir jetzt jemand die aktuelle HonKaSuki MX1-450er hinstellt und fragt, wie/ob mir die modifizierten Griffgummis taugen oder ob mir die neue Brennraumgeometrie auffällt, dann müßte ich entweder dreist lügen oder einen Leistungsbereich abrufen, der mir unweigerlich einen (noch) längeren Krankenhausaufenthalt beschert.

    Sicher können die von Clemens zitierten Schreiberlinge alle sehr viel besser Mopped fahren als ich (weil mir das ja ausschließlich Gaudi bringt und es für Erstere ja elementar berufswichtig ist) und haben es deswegen voll unter Kontrolle. Zumindest wünsche ich es ihnen sehr.

    Und ziehe den Hut vor Clemens, weil er ehrlich mit sich selbst und seinen Lesern ist.

  • Ralf meinte am 22. September 2018 um 18:53:

    Das mit den Fahrern, die für Schnittchen am Hotelpool testen gehen, funktioniert aber auch nicht. Die finden nämlich alles „sensationell“ und „supergut“, weil Ihnen dieses Motorrad ein paar Rennstreckenrunden und ebendiese Schnittchen in der Sonne beschert hat.

    • Clemens Gleich meinte am 23. September 2018 um 11:04:

      Für die Hersteller funktioniert das super. Erinnere Dich mal, wie groß der Unterschied jedes Mal ist zwischen der Kritik vor Ort in der Boxengasse und dem, was wirklich in den Heften landet, auch ohne Amateurschreiber dabei. Das Problem wird durch ein bisschen mehr „best bike I‘ve ever ridden“ (jeder MCN-Artikel) auch nicht signifikant verschärft.

  • 3-plus-1 meinte am 23. September 2018 um 11:57:

    Also mir tut das ja kein bischen leid, denn Rennsemmelberichte fand ich schon immer öde und wenn dann noch – wie wohl bei der aktuellen S1000RR – die Ergonomie zum Vorgänger immer weiter geschrumpft wird, dann boykotiere ich auch gleich die Berichte mit.

    Nö, die Perlen deiner Berichte sind doch gerade die, wo du mit dem Motorrad als täglicher Begleiter durch die Welt stromerst. Egal ob zu Lost Places oder durch die Highlands. Da wird‘s spannend, vor allem, weil du dort mit passender, neuer Technik hinfährst und nicht wie der abgedroschene Oldie mit dem 30-Jahre-alten Rattbike (der uns erzählt ABS brauct man nicht und Vergaser ist der Stand der Technik).

    Also ich würde mich freuen, wenn du nun mehr aus der Ecke berichtest. Vielleicht erkennen das ja auch mal endlich die Underdogs der Motorradfertigung und setzen die auf eins ihrer Modelle (die für Normalfahrer abseits der Rennstrecke gebaut sind) und schicken dich für Geld und gute Geschichten durch Europa.

    Hallo, Benelli, ich meine euch. Wenn ihr eure neuen, italienisch designten und mit chinesischer Technik versehenen Geräte auch verkaufen wollt, müsst ihr dem Vlemens mal eine südeuropäische Städtetour auf einer Leoncino und eine Skandinavientour auf TRK finanzieren. Dann influenced der das mit schönen Bildern in die junge, noch führerscheinlose Generation. 😉

    • Clemens Gleich meinte am 23. September 2018 um 16:13:

      Ich zweifle, ob bei vom Produkthersteller bezahlten Dingen regelmäßig gescheite Geschichten herauskommen. Ich kenne nur ein Beispiel, in dem das wirklich gut geklappt hat. Meistens will der Produkthersteller ganz viel mitsprechen, weil er das ja auch bezahlt. Und dann wirds halt mit Glück langweilig, häufig auch peinlich.

  • Achim meinte am 23. September 2018 um 14:29:

    Moin,

    meine Paar Cent: ich mag Deinen Schreibstil und lese Dich daher wahrscheinlich zu jedem Thema, notfalls auch zu Supersportlern. Aber der Stil wird wohl nur so bleiben wenn Du gern schreibst was Du schreibst.

    Zum eigentlichen Thema, Autmatisierung, Machine Learning, etc: Ich wundere mich da schon seit Jahren. In den 90ern habe ich an der FH zu dem Thema zwei Vorlesungen gehört. Seitdem verfolge ich es eher mit Abstand, aber regelmäßig und interessiert.
    Meiner Meinung nach ist da in diesen 20 Jahren genau _nichts_ konzeptionell neues dazu gekommen. Die gleichen Methoden und die selben Algorithmen. Noch immer versteckt sich hinter „Künstlicher Intelligenz“ lediglich das Ableiten von Lösungen aus zuvor auswendig gelerntem. Unglaublich schnell und auf unglaublich breiter Datenbasis, aber am Ende doch auswendig gelernt.

    Daran wird sich meiner Meinung nach auch nichts ändern solange niemand herausgefunden hat, wie man dieses seltsame Wesen „Kreativität“ in Silizium backt..

    Achim

    • Clemens Gleich meinte am 23. September 2018 um 16:09:

      Konzeptionell Neues fand ich auch nichts. Aber es hat sich in den einzelnen Bereichen jeweils schon etwas getan, bekanntestes Beispiel neuronale Netze mit viel mehr Tiefe, als früher sinnvoll möglich war, aus Big Data und GPU-Rechenzentren. Ad-hoc-lernen wollen die Fahrzeughersteller sowieso komplett unterbinden, weil sie dann das Verhalten ihrer Fahrzeuge ja nicht mehr vorhersagen können.

  • Achim meinte am 24. September 2018 um 18:55:

    Das meinte ich ja: Es wird alles über die Möglichkeiten der Hardware gepusht. Interessant ist, dass die Hersteller gar keine „echte Intelligenz“ zu wollen scheinen. Vermutlich wegen der dann nicht abschätzbaren Gewährleistung.

    Ohne solche „echte Intelligenz“ wird es aber großflächig meiner Meinung nach keine großflächige gemeinsame Infrastrukturnutzung von autonomen Systemen und von Menschen gesteuerten Fahrzeugen geben können.

    Vermutlich werden wir in einigen Jahren ein Netz von „autonomous only“ Straßen haben wo man nicht mehr eigenständig steuernd unterwegs sein darf. Man schleift sich dann am Autobahnzubringer auf die Autonome Fahrstraße auf und wird am Ortseingang wieder abgeworfen um dann manuell ans Ziel zu steuern.

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