Gelesen: Natural Running

Meine Frau hat sich aus der Bibliothek das Buch „Natural Running“ von einem mir bisher unbekannten Dr. Marquardt ausgeliehen. Es beschreibt Barfußlaufstile, die auch mit Schuhen funktionieren. Damit kenne ich mich sehr gut aus, weil ich von Kindesbeinen an viel barfuß renne und im Kontrast in der Schule das klassische Sportschuh-Abrollen über eine dick gepolsterte Ferse als Technik gelernt habe, sodass ich beides laufen und vergleichen kann. Einerseits würde es mich freuen, wenn meine Frau mit Dr. Marquardt ihre Knieprobleme lösen könnte, andererseits hätte ich mich mehr gefreut, wenn ich ihr kompetenter erschienen wäre (werde mich künftig wieder illegalerweise „DOKTOR Gleich“ nennen), denn das Buch leidet leider an ein paar Unklarheiten, die meiner Ansicht nach aus dem Text entstehen, denn die Technik schaut auf den Bildern richtig aus (siehe oben).

Also, Dr. Marquardt empfiehlt seinen Lesern, den Fuß „flach“ aufzusetzen, konkret geht er sogar so weit, in den Techniktrainings zu empfehlen, mit der gesamten Fußfläche aufzupatschen „wie ein Kind, das in eine Pfütze springt“. Jeder Läufer, der auch mal 20 Kilometer oder mehr am Stück läuft, weiß genau, was er meint: Wenn du zu betont auf dem Ballen läufst, überlastest du deine Unterschenkel. Ein ökonomischer Lauf landet auf einem nur leicht vorfühlenden Ballen, der dann genauso wie beim betonten Ballenlauf als Stoßdämpfer arbeitet, das aber viel mehr über Bänderarbeit tut statt über die angespannten Waden. Alle Fotos im Buch zeigen die Technik auch richtig. Ich weiß jetzt aber auch, wo die Plattfüßer auf Youtube herkommen, die ihr Elefantenstampfen als Technik für Minimalschuhe präsentieren. Wer das Buch hat: Nicht wie im Text machen, das kombiniert die Nachteile von Fersen- und Ballenlauf und erzeugt noch eigene. Mach es wie auf den Bildern, die eine korrekte Technik zeigen, wie sie Dr. Marquardt wohl auch meint, ohne das verständlich texten zu können.

Einen weiteren Punkt verstehe ich auch nicht: Der Herr Doktor schreibt, man könne nicht barfuß auf harten, komprimierten Flächen wie Schotter-Waldwegen oder Asphalt laufen. Dabei gibt es seit vielen Jahren Messergebnisse, die eindeutig zeigen: Wer richtig federnd barfuß auf Asphalt läuft, leitet wesentlich geringere Kräfte in den Bewegungsapparat ein als selbst die besten Fersenläufer auf den dicksten Sohlen. Der Gedanke, dass es in der Zeit vor der Erfindung gepolsterter Schuhe keine längerstreckigen harten Oberflächen gab, hält sich hartnäckig bei Läufern, obwohl er so absurd ist. Dinge wie harten Lehm oder komprimierten Stein-Erde-Boden gab es schon immer, über hunderte Kilometer. Ich finde sogar, dass Asphalt modernen Füßen entgegenkommt, weil er halt glatter ist als ein steiniger, wurzeliger Waldweg, den kaum ein moderner Mensch mit seinen eingeweichten Füßen mehr joggen kann. Genauso der stete Läufertipp mit dem Strand: Ja, es ist toll, am Strand zu rennen. Nein, der Untergrund hilft dir nicht, Vorfußläufer zu werden, weil er so weich ist, dass du genauso mit der Ferse reinstampfen kannst.

Insgesamt würde ich interessierten Läufern daher empfehlen, lieber den Stand der Technik auf Youtube anzuschauen, denn dort stellt sich das Problem mit missverständlichem Text kaum, solange die Videos die Bewegung gut zeigen. Ich glaube fest, dass Dr. Marquardt sich gut auskennt. Ich sehe aber auch, dass sein Buch genügend Missverständnispotenzial hat, dass sich wieder Leute den Laufapparat verletzen, weil sie besonders natürlich sein wollen (ein aktueller, irgendwie tragischer Trend). Eher nicht kaufen.

In eigener Sache überlege ich mir, selber ein Video zum Thema zu machen. Dazu nehme ich gern Feedback: Gibts schon mehr als genug davon auf Youtube oder hülfe ein weiteres Erklärbärvideo, wie man barfuß läuft, ohne sich zu verletzen?

Kommentare:

ältere
  • Maik meinte am 12. November 2018 um 16:24:

    Ich würde mich über ein Erklärbärvideo freuen, denn ich finde das Thema spannend. Ich kenn aber auch sonst keine guten Videos zu dem Thema, wäre also auch schon mit deinen Empfehlungen zufrieden.

    • Clemens Gleich meinte am 12. November 2018 um 17:08:

      Also, wenn man nach „Barfuß laufen“ und ähnlichen Suchkombos auf YT guckt, findet man schon einiges, finde ich. Wenn ich Zeit hab, mach ich aber mal ein Video.

  • Ralf Zimmermann meinte am 13. November 2018 um 8:12:

    …. ja mach mal. Aber bau ein bobbycar mit ein „äh ich stecke fest“ 🙂
    Ich nutze seit mehreren Jahren Barfußschuhe im täglichen Leben. Merke das ich damit besser laufe, länger laufe und viel aufrechter stehe. Hab mir aber ehrlich gesagt dabei noch nie Gedanken gemacht wie man damit „richtig“ läuft.

    • Clemens Gleich meinte am 13. November 2018 um 9:14:

      Na, wenn Du damit keine Probleme hast, wirds schon passen, oder? Es geht im Buch und mir auch nicht ums GEHEN, sondern um Joggen, Trab bis hin zum Sprint. Da merken viele Läufer schon irgendwann, wenns ned passt, weils dann wehtut.

  • eugen meinte am 13. November 2018 um 11:02:

    Laufen ist einfach top!, Barfusslaufen ist mir zwar noch nie in den Sinn gekommen, ist sicherlich auch cool. Mir habens vor Jahrzehnten (ich hab ja noch mit den Superga`s angefangen, weil ich geglaubt habe, na geh, der Schuh ist doch nicht sooo wichtig) im Laufgeschäft meiner Wahl einen Wunderschuh verkauft, seither eigentlich immer das gleiche Modell, herrlich zum Laufen. Halbwegs fit am Motorrad macht einfach dermassen viel mehr Spass, unvergleichlich.

  • Michael Schiebold meinte am 15. November 2018 um 9:01:

    …ja, das leidige Thema Ballen vs. Ferse. Ich bin zum Krötenstechen (Nordic Walking) gewechselt, weil ich beim Laufen einfach nicht auf den Ballen komme. Ein Erklärbärvideo von Dir wäre sicher hilfreich. Dann würde ich‘s nochmal versuchen.

  • Volker meinte am 15. November 2018 um 10:01:

    @Clemens: Du willst sagen, daß es ungesund und physiologischer Schwachsinn ist, im Laufschritt mit durchgestrecktem Fuß auf die Ferse zu knallen, daß Dir die Schockwelle bis zur Kinnlade fährt? Das war mir jetzt so noch nie aufgefallen… 😉

    Interessant ist ja auch: „to jog“ hat auch in der Übersetzung mehr mit „trotten“, „zuckeln“ oder „traben“ denn mit „laufen“ zu tun.

    Letztlich schaue man einfach auf diejenigen, die das professionell machen (Marathonläufer beispielsweise). Die werden sicher keinen Laufstil pflegen, bei denen ihnen in kürzester Zeit die Bänder und Gelenke explodieren.

    Ich wäre – selbst als jemand, der sich mit der Lauferei schwer tut (man könnte sagen: die Langstrecke beginnt bei mir ab 50 Metern) – beim besten Willen nicht auf die Idee gekommen, „mit der Ferse irgendwo reinzustampfen“. Da reicht mir schon, wenn es versehentlich passiert, weil ich ein Loch im Boden übersehe.

    • Clemens Gleich meinte am 15. November 2018 um 10:57:

      Das Fersenlaufen wurde aber Zu Unserer Zeit ™ in der Schule gelehrt als der richtige Laufstil mit den dazu passenden dicken Schaumstoffsohlen. Da funktioniert es ja auch, wenn auch nicht immer besonders gut. Man darf halt nicht vergessen, dass Schaumstoffschuhe Sportgeräte sind und als solche einen eigenen Bewegungsablauf verlangen. Man sieht übrigens je mehr Fersenlauf, umso langsamer das Tempo. Beim Marathon siehst du es also häufig, beim Sprint kann ich mich nicht erinnern, es je bei Profis gesehen zu haben. Die Ferse bremst da zu stark für eine gute Zeit, du verlierst die Bänderfederung und du verlierst effektive Beinlänge im Vollsprint. Man sehe sich dazu auch nur Sprint-Schuhe an (“racing flats“ heißen sie auf Amerikanisch).

    • Clemens Gleich meinte am 15. November 2018 um 11:07:

      Noch vergessen: Warum mich das grad beschäftigt, ist der Umstand, dass mit den Trends „natüüüüüürlich“ und „Paleo“ und wie sie alle heißen alle barfuß laufen wollen, auch wenn sie das in ihrem Leben noch nie gemacht haben. Dazu kaufen sie teure Barfußlaufschuhe (ich habe welche für verfickte 450 Euro gesehen!). In diesen Schuhen laufen sie dann aus Gewohnheit wie in Schaumstoffschuhen. Damit machen sie ihren Laufapparat kaputt, laufen tut weh, sie laufen weniger. Und hier muss man dann wirklich sagen: Lauf besser so, wie du es kannst, wenn es funktioniert hat. Und vor allem: Du kannst dir einen Laufstil nicht kaufen, sondern du musst ihn antrainieren. Das kostet weniger Geld, aber viel mehr Zeit.

  • Volker meinte am 16. November 2018 um 13:23:

    @Clemens: Jup. Ich habe früher auch despektierlich die Nase gerümpft, wenn sich jemand an den auf 20° eingestellten Laufbandergometer geklammert hat und mir gedacht: „Auf 0° könnte er einen vernünftigen Armschwung machen und dabei genauso viele Kalorien verbrennen, nur sieht es halt nicht so martialisch aus.“. Inzwischen bin ich froh, wenn sich solche Leute _überhaupt_ bewegen, egal, wie spaßtisch das möglicherweise aussieht. Hoffnung dabei ist nur, daß sie sich dabei nicht (zu sehr) weh tun, denn sonst isses vorbei mit dem Ehrgeiz.

    Man einem ist auch das Sich-bewegen-Wollen irgendwie nicht in die Wiege gelegt (bzw. wurde frühkindlich vermittelt). Der empfindet dann alles, was irgendwie mit körperlicher Anstrengung verbunden ist als unangenehm, eine Qual und Zeitverschwendung. Dagegen kommst Du kaum an.

    Ich jedenfalls wär froh, wenn ich mich mal wieder im gewohnten Umfang abzappeln könnte. Das wäre zwar nicht Joggend sondern eher auf dem MTB oder dem MX-Hobel, aber erlaubt ist hier eh was gefällt.

    In diesem Sinne: Hau rein!

  • Todd meinte am 18. November 2018 um 19:57:

    Hallo Clemens & Volker,

    ich laufe seit 43 Jahren und habe in der Zeit Einiges erlebt und ausprobiert. Auch Barfußlaufen auf Tartan im Stadion. Nach einem zünftigen 3000-m-Lauf waren meine angeborenen Fußsohlen wund – nie wieder ohne ausreichend Hornhaut!

    Marathonis laufen nicht, die fliegen! 02:0x:yz bedeutet im Klartext, daß diese Wahnis nacheinander 4 x 10.000 m in unter 30:00 rennen. Laßt euch das mal auf der Zunge zergehen.

    Wie man letztendlich den Fuß aufsetzt und abrollt, muß wohl jeder für sich allein herausfinden. Meine Vorfußlaufexperimente endeten mit einem Faserriß in der Wade. Meine Regel war immer: Auf klare Bilder achten, also möglichst wenig Erschütterung des Kopfes sowie Schrittlänge, Laufstil und -rhythmus an die Situation und das Gelände anpassen. Flexibilität ist Trumpf.

    Als alter Fischkopp bin ich jahrelang am Strand gelaufen. Auch gern mal barfuß. Es tat mir gut wegen des Gefühls von Freiheit und war für den Stützapparat okay, solange ich auf horizontaler Fläche im tiefen Sand lief. Am Wellenschlag auf der Schräge ist‘s tödlich für die Fußgelenke.

    Mittlerweile laufe ich am liebsten querfeldein, also über Wiesen, Felder, Hecken, Gräben, durch‘s Unterholz, abseits von Weg & Steg. DAS ist meine Quintessenz.

  • Andre meinte am 28. November 2018 um 18:22:

    Ich laufe auch seit vielen Jahren „ganz normal“ und bin auch mal Marathon gelaufen, nur um es „abgehakt“ zu haben. Der Spaß blieb irgendwie auf der Strecke. Das Buch „Born to Run“ (gib es auch auf Deutsch – sehr empfehlenswert) hat mich wieder zum Barfuß laufen motiviert. Der Trick für mich war langsam anzufangen und ganz zart zu steigern. Die erste Woche nur 400m, dann 800. Nach 6 Monaten dann 10km… in Surf/Strandschuhen für 12€ das Paar – für mich eine Offenbarung, wie das funktioniert, was die Buschmänner und Indianer anscheinend schon vor 2000 Jahren herausgefunden haben.

    Jetzt fange ich leider wieder mit dem 1×1 an. Meniskus beim Badminton Unfall kaputt gegangen und letzten Monat mit meiner alten 650CS auf der Bundestrasse ein Reh erlegt und auf das gleiche Knie gefallen. Motorrad im Graben, Kühler gerissen, viele Teile verbogen. Sehr unangenehm – zum Glück nicht meine schöne Duke 690 R. So schließt sich wieder thematisch der Kreis zum Motorrad fahren :-).

    Ich habe mir übrigens jetzt sogenannte „Deer Whistles“ an meine Fahrzeuge geklebt – ab 60km/h Staudruck getriebene Pfeifen, die das Wild aus größerer Entfernung hören können sollen. Keine Ahnung ob das funktioniert (soll in Norwegen und Kanada sehr populär sein), aber für 2-7€ das Stück auf der E-Bucht, ist es mir auch egal … selbst wenn es nur für das gute Gefühl ist.

  • Andre meinte am 28. November 2018 um 18:42:

    F*#k Rechtschreibprüfung – na ja, hätte ich vor dem „Kommentieren“ vielleicht auch vorher einfach noch mal lesen sollen… 😉

    • Clemens Gleich meinte am 28. November 2018 um 21:03:

      Ich hab ein paar Fehler raus, darfst gern sagen, was Dich besonders bedrückt, dann ändere ich es.

  • Jürgen Schmadlak meinte am 30. November 2018 um 10:25:

    Weil der Strand bei Ebbe eine 4 km lange Rennbahn ist und das nächste Schuhgeschäft eine Tagesreise entfernt hab ich das auch mal probiert. Das mit dem auf den Ballen abfedern funktionierte ab dem zweiten Tag sehr gut. Anfangs hatte ichh Probleme die Geschwindigkeit zu halten. Unbewusst bin ich immer schneller geworden und musste dann wieder Tempo rausnehmen. Nach 10 Tage mit je 9 km spüre ich eine deutliche Belastung an den Bändern. Mit dem Knie habe ich dagegen keine Probleme.

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