Standardwortschatz, publizistischer

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 13.01.2011

Jede publizistische Themenrichtung hat ihren eigenen Standardwortschatz, der aus inhaltslosen Hülsen zum Texte längen besteht. Fälschlicherweise übernehmen Forendiskutanten gelegentlich diesen Wortschatz, weil sie ihn für ihre Szenesprache halten. Da der Standardwortschatz jedoch per definitionem keine Informationen trägt, enthält er nur die künstlichen Aroma- und Ballaststoffe der Sprache, die das Hirn unverändert wieder ausscheiden sollte.

Dem motorisierten Standardwortschatz verdanken wir ausscheidungsprozessförderndes Fasermaterial wie das berüchtigte, operativ zu entfernende „breite Grinsen“, die „Rennsportgene„, das „Wildern im Revier“ von irgendwas, den „Stammtisch“, an dem der Legende nach virtuelle Trinker PS-Zahlen austauschen sollen, sowie natürlich das für Reifentests unverzichtbare „…drängt auf die weite Linie“.

Standardwortschätze dürfen sich nicht ändern; nur zementiert bleiben sie funktional. Es gibt jedoch Ausnahmen. So nahm etwa zur Jahrtausendwende der berühmte Sprachwissenschaftler Dr. Gleich an einer Notfallsitzung teil, auf der „Im Weltall hört dich keiner schreien“ aus dem Standardwortschatz für Videospielpublikationen gestrichen werden musste, weil es sich unter die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte abgenutzt hatte. Dr. Gleich ist außerdem einer der führenden Köpfe hinter und Mitkonstrukteur der „Phrasendreschmaschine“, einem Expertensystem, das auf Datenbasis mindestens eines publizistischen Standardwortschatzes Füllphrasen drischt, die im lesenden Turing-Test ununterscheidbar von denen eines menschlichen Dreschers bleiben. Alle großen deutschen Publikationen, Mojomag und Ilse Aigner sind geistteilnahmslose Sprechorgane der Phrasendreschmaschine, was sie dazu befähigt, ihre Zeit produktiver zu nutzen — natürlich nur theoretisch.

Kommentare

  1. Gott - geschrieben am 13. Februar 2011 um 09:04 Uhr - #

    Nicht nur Angela Merkel ist ein Androide aus der Trabifabrik. Sogar ich bin beim Touringest oder Turingtest oder wie das heisst durcht gefallen. Bitter, für Euch Menschlein

    Aber den CHAPTA um hier in Deinem Blog zu schbämmen schaff ich noch mit links

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 13. Februar 2011 um 12:25 Uhr - #

    Sehr geehrter Herr Gott, das liegt daran, dass es hier keine Captchas gibt, sondern stattdessen ein quasiomniscientes Bayes-Netz, das Kommentare mit übermenschlicher Zuverlässigkeit bewertet und nur echte Menschen durchlässt. Da biste durchgekommen, ergo: Turing-Test bestanden.

    Warnung vor dem Linke: Da ist eine ganz fiese Vorlesemaschine am Start, ich empfehle, wenn dann mit deaktivierten Sound-Plugins draufzuklicken.

  3. Phil - geschrieben am 28. Juli 2013 um 16:56 Uhr - #

    Bitte ergänze auch den legendären Enduro-Test-Textbaustein:
    „Verhält sich im Drift einwandfrei“

  4. Clemens Gleich - geschrieben am 28. Juli 2013 um 17:00 Uhr - #

    Im „leichten Schotterdrift“ ™!

  5. sinsser - geschrieben am 29. Juli 2013 um 14:44 Uhr - #

    „schönes Anlehngefühl“ beim Reifentest:
    Was zum Geier soll das sein?
    Ich fahre jetzt 25 Jahre Mopped, anlehnen in Verbindung mit Reifen klinkt für mich in dem Zusammenhang immer noch nach Mittagspause.

  6. sinsser - geschrieben am 29. Juli 2013 um 14:47 Uhr - #

    klingt! klingt! nicht klinkt.
    Warum gibt´s hier immer noch keinen Editierbutton? Macht man sich unbemerkt zum Legastheniker, hier.

  7. Clemens Gleich - geschrieben am 29. Juli 2013 um 14:55 Uhr - #

    „Der Kunde sei auf der Hut“, ist unser Motto hier. Kein Editierbutton macht Dich vorsichtiger beim Schreiben. Es ist ein Feature. Ja, ich habe im Marketing gearbeitet.

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