Ernährung: Konsens im Nonsens

Als ich mit unterstützendem Kraftsport angefangen habe, weil ich beim Fechten Schulterprobleme bekam, hielt ich es für eine gute Idee, mir anzusehen, was sich in der Zwischenzeit in Sachen Ernährungsforschung getan hatte. Das hätte ich besser gelassen. Die Ernährungsforschung ist ein Feld voller Tretminen, in dem jede neue Studie zu riesigem Halligalli führt: „Wirf alles weg und iss nur noch Fischaugen! Aber nicht nach Mitternacht!“ Im Selbstversuch einiger Tipps aus der Fitnesswelt erlebte ich hautnah, warum im Zeitschriftenregal jeden Monat ein neuer Diät-Trend steht: Irgendjemand hat irgendetwas minimal Hilfreiches in einer Ananas gefunden, also müssen jetzt Ananasse reingepresst werden, als gäbs morgen keine komplett andere Diät. Das passiert jedoch alles unter der Relevanzgrenze. Bei rund 100 Prozent von uns gibt es große Brocken, die wir verbessern können, bevor wir uns darum streiten müssen, wie viele Ananas pro Tag gut sind oder welche Einzellebensmittel man streichen müsste, damit unplausible Magie passiere.

Der Stand der Dinge liegt jedoch nicht daran, dass die Fitness-Leuts alle blöd wären. Nein, es liegt eher daran, dass man Ernährung nur schwierig untersuchen kann. Forscher müssten Leute lebenslang einsperren, damit sie sicher kontrollieren könnten, was wirklich gegessen wird. Das geht halt nicht. Deshalb fragen Forscher Menschen, was sie so essen, und da sich der Mensch schon selber anlügt, erhält der Forscher damit Daten, die bestenfalls sehr unplausibel sind und häufig „inkompatibel mit dem Weiterleben“, wie es Dr. Edward Archer in seinen Rants gegen die Befragungsforschung gern formuliert. Wer zu fett ist, erzählt dem Forscher zum Beispiel stets, er esse weniger, als er tatsächlich tut. Die Lügen hören aber bei den Kalorien nicht auf. Auf diese frei erfundene Datenbasis lassen Forscher dann statistische Methoden los. Eine frei erfundene Datenbasis hat den Vorteil, dass die darauf aufbauende (“korrigierende“) Statistik praktisch alles sagen kann, was man sagen will. Sowas ist immer super, wenn etwa Nutella meine Forschung sponsern will. Und zum Geschichtenerzählen kommen noch eine Reihe weiterer Probleme.

Die neue Modediät: frisches Zeug draußen essen. Macht voll den schlanken Fuß!

Das hat dazu geführt, dass Menschen frustriert sagen: „Ich weiß gar nicht mehr, was ich sinnvoll essen soll!“ Es bildet sich die Ansicht, dass der Esser nicht wissen kann, was er essen sollte, dass es keinerlei Konsens gäbe. Das stimmt jedoch zum Glück so nicht. Es gibt trotz aller Schwierigkeiten Konsens in der Ernährungsforschung. Er ist nur nicht so exakt wie „Iss drei Ananas pro Tag!“. Kaum jemand würde bestreiten, dass moderne Ernährungsgewohnheiten (Chips vor dem Fernseher) zu modernen Problemen führen können (grassierende Fettleibigkeit). Es gibt also durchaus Dinge, die wir ganz gut wissen. Ernährungsexperten aus den USA haben sich daher in Boston auf einen schönen Konsens geeinigt:

The overall body of evidence examined by the 2015 DGAC identifies that a healthy dietary pattern is higher in vegetables, fruits, whole grains, low- or non-fat dairy, seafood, legumes, and nuts; moderate in alcohol (among adults); lower in red and processed meats; and low in sugar-sweetened foods and drinks and refined grains. Additional strong evidence shows that it is not necessary to eliminate food groups or conform to a single dietary pattern to achieve healthy dietary patterns. Rather, individuals can combine foods in a variety of flexible ways to achieve healthy dietary patterns, and these strategies should be tailored to meet the individual’s health needs, dietary preferences and cultural traditions. Current research also strongly demonstrates that regular physical activity promotes health and reduces chronic disease risk. (Source: 2015 DGAC summary wording)

Omas „Iss dein Gemüse!“, „Geh raus spielen!“ und „Iss nicht so viele Süßigkeiten!“ bleiben gültig, genauso wie die meisten Ernährungsleitlinien, die ihr wahrscheinlich kennt. Modediäten, die zu sofortiger Verbesserung des Zustandes führen, funktionieren (wenn sie funktionieren) dadurch, dass der Esser zum ersten Mal seit langer Zeit auf eine gesunde Ernährung achtet. Wenn ich mir diese „Paleo“-Mode anschaue, sehe ich außer dem vielen Fleisch auch ganz viel frisches Pflanzenzeug. Genauso bei einer veganen „Whole-Food“-Pflanzen-Diät: frisches, leckeres Zeug. Pommesveganer leben eher ungesund. Dazu kommt:

Fundamentals and current understanding do NOT change every time a new study makes headlines.

Lasst euch nicht verrückt machen vom ewigen „Essen ist Gift!“. Die meisten Menschen wissen schon, was gesund ist. Ihr Arzt hat es ihnen schon vor dreißig Jahren gesagt. Niemand denkt, die Tüte Chips vor dem Fernseher sei eine vollwertige Mahlzeit. Sie wird aus anderen Gründen verzehrt. Genauso kann ich das, was mir mein Trainer vor 20 Jahren zum Thema „Essen und Sport“ empfahl, problemlos weiter verwenden. Wer artgerechter leben will, kann sich auf besseres (und meistens weniger) Essen konzentrieren, kombiniert mit regelmäßiger Bewegung draußen (drinnen ist weniger gesund). Das ist auch sehr gut kombinierbar mit Rücksicht auf unseren Lebensraum. Und ich persönlich muss aufhören, mir diese Essens-Dokus reinzuziehen, die mir Netflix vorschlägt. Da reg ich mich nur auf …

Kommentare:

ältere
  • eugen meinte am 25. Juni 2019 um 7:57:

    umgelegt auf die moppedn heißt das, dass ktm jetzt angeblich eine duke 890 r rausbringt, sehr originäl, einfach mehr ps, mehr 180er hinten und mehr vom blöden spruch „rädy to race“, wie wenns die formel 80/80/180, dazu 160er, nie gegeben hätte, komisch.

  • Volker meinte am 27. Juni 2019 um 13:30:

    Achgottchen. Gesundes Essen, Diät.

    Nach den in Verruf geratenen Antioxidantien [1] [2], gefährlichen Modediäten wie LowCarb [3], Mikrofasten, Hungern gegen Tumore und ketogene Diäten vs. den früher gepredigten „6 Mahlzeiten täglich!“ [4] [5], Multiple Sklerose und andere neurodegenerative Krankheiten durch virenverseuchte Milch und Steaks [6] und natürlich die Wirksamkeit^WWirkungslosigkeit von Statinen im Kampf gegen LDL-Cholesterin und Atherosklerose [7] bröckelt nun offenbar auch der Putz bei Probiotika: Blähungen, Magenschmerzen, Gehirnschäden, Verwirrtheit und andere Probleme durch milchsäureproduzierende probiotische Bakterien im Dünndarm.

    Was kommt als nächstes? Etwa, daß man menschliche Stammzellen gar nicht durch ein bißchen Säure frankensteinen kann? Ups. Stimmt. Da war mal was… [8] Vermutlich hat die gute Haruko Obokata vom Riken-Center für Entwicklungsbiologie in Kobe einfach zuviele der gleichnamigen Steaks verzehrt…

    Oder „Zahnschmelz draufputzen“? Nicht einmal SdW-Autoren sind sich zu schade, die Hydroxylapatit-Sau durchs Dorf zu treiben. Leider lassen sich die Verfasser zur konkreten Methodik kaum aus. Was freiliegende Zahnhälse bedeuten und wie Karies entsteht, ist freilich schon länger bekannt. Daß Zahnpasten mit Hydroxylapatit das Putzergebnis verbessern und man mit dem Wirkstoff auch Dentintubuli versiegeln kann scheint mir – ähm – neu.

    Mein Trainer nach einem sinnvollen Intervall zum Muskelaufbau gefragt, antwortete einigermaßen lapidar: „Mit möglichst viel Gewicht möglichs viele Wiederholungen und dazwischen keine Pausen.“. Tabata-Training läßt grüßen. So eine Überraschung. Am Ende nimmt man noch ab, wenn man mehr Kalorien verbrennt als man zuführt, das am besten bei gleichzeitigem Training, damit die sich der Gewichtsverlust nicht in der Muskelmasse widerspiegelt? Kann das sein? So ganz ohne Ananas und mehrfach ugesättigte Fettsäuren aus der Weltraum… – pardon – Genforschung?

    Man kann den Energieerhaltungssatz (ja, strenggenommen die drei Hauptsätze der Thermodynamik, wir wollen es aber mal lieber nicht übertreiben) natürlich auch geheimniskrämerisch-wissenschaftlich verschwurbeln, um Publikationen zu generieren und sich mit Forschungsgeldern die Taschen zu füllen.

    In Sachen „Ernährungsempfehlung“ genügt zumindest mir ein Blick auf das Gebiß von Homo Sapiens. Wären wir Veganer, hätten wir eine Kauleiste wie Rindviecher. Und wäre Zucker so toll für uns, würde vorne am Gesicht ein Saugrüssel wachsen. Aber wenn „Ernährungswissenschaftler“ diese Trivialitäten allen Ernstes noch erklären müssen, dann steht es um unsere Gesellschaft noch schlimmer, als ich dachte.

    Quellenverzeichnis:
    [1] https://www.spektrum.de/magazin/entzauberte-antioxidanzien/1205319
    [2] https://www.spektrum.de/news/antioxidanzien-koennen-auch-schaden/1207955
    [3] https://www.spektrum.de/news/das-sagt-die-wissenschaft-zur-low-carb-diaet/1438814
    [4] https://www.spektrum.de/news/hungern-gegen-den-tumor/1141509
    [5] https://scilogs.spektrum.de/marlenes-medizinkiste/ketogene-diaet-und-krebs-das-falsche-fastenversprechen
    [6] https://www.spektrum.de/news/harald-zur-hausen-multiple-sklerose-durch-fleischkonsum/1420298
    [7] http://www.medizinauskunft.de/artikel/diagnose/herz_kreislauf/statine-arteriosklerose-09-09-14.php
    [8] https://www.sueddeutsche.de/wissen/forschungsbetrug-einfach-nicht-wahr-1.2004237
    [9] http://spektrum.de/artikel/1603748

  • Andre Hessling meinte am 23. Juli 2019 um 21:24:

    Endlich mal wieder ein erfrischend gut recherchierter Beitrag, die neuen Nährwert, in der sonst so mit erhobenem Zeigefinger geführten Diskussion (alternativ auch mit missionarischem Eifer, oder Besserwissertum).
    Mich nerven sonst auch die Referenzen die zitiert wird, das man sich nach einem „etwas mühseligen Start, jetzt besser frischer und voller Mehr-Energie“ fühlt wobei der Name der Diät beliebig austauschbar ist. Tatsächlich glaube ich auch, dass es einzig und allein, dass die Leute mehr auf die Ernährung achten und das man sich niemals eingestehen möchte, dass diese ganze Anstrengung möglicherweise für die Katz gewesen wäre.
    Chapeau.

    Andre

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