Leaving Stuttgart

So, am 29. August fährt der Umzugslaster. Wir haben schon angefangen, die wenig benutzten Dinge in Kartons zu packen und die gar nicht benutzten auf den Sperrmüll, zu Bekannten oder in den Verkauf. “Und, bist du schon melancholisch über den Wegzug hier?“, fragte meine Frau. „Nein“, sagte ich gleich. Es hält mich hier wenig. Ja: Für die automobile Berichterstattung war es ganz nett, in der Nähe von Daimler, Bosch, Mahle und Porsche zu wohnen. Aber das war ein recht kleiner Vorteil, selbst für die Arbeit, wegen der ich ja hierher kam.

Wie so viele Menschen kam ich der Arbeit wegen nach Stuttgart. Wenn man der Arbeit wegen irgendwo hingeht und das gut läuft, verliert man schnell die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen. Tobi hat mich einmal einen „Workaholic“ genannt. Ich stritt das vehement ab. Aber vielleicht lüge ich mir das auch schön. Ich habe es wie so viele „Wirtschaftsflüchtlinge“ (Bezeichnung von Klaus Herder geklaut) nie geschafft, in Stuttgart ein stabiles soziales Umfeld über die Arbeit hinaus aufzubauen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, aber wen davon kann ich einen „Freund“ nennen? Mein Sozialleben war wie das eines Straßenhunds: Wir treffen uns, wir spielen, und dann sehen wir uns nie wieder.

Soziale Insolvenz

Maik sagte zu meiner Anfangszeit bei MO im gemeinsamen Büro, er müsse mir unbedingt einmal seine Motorrad-Hausstrecken zeigen. Zwei Jahre später schenkte er mir das Buch „Die besten Motorradstrecken in Baden-Württemberg“ als Insolvenzerklärung dieses Vorhabens. Ich sehe Maik praktisch nur bei BMW-Präsentationen. Als ich nicht mehr mit Timo im selben Verlagshaus arbeitete, sah ich ihn ebenfalls praktisch nie wieder. Wir telefonierten (natürlich hauptsächlich wegen der Arbeit), aber wir saßen seit Jahren nicht mehr abends in der Kneipe, obwohl die recht günstig liegt. Die Arbeit. Der Alltag. Nicht wichtig genug. Mit Tobi gehe ich manchmal laufen oder wir essen gemeinsam, alles zusammengenommen zuletzt in einer Frequenz von ein bis zwei Mal pro Quartal. Und abseits der Arbeit sah es eher schlimmer aus. Für so ein bisschen Minimalsozialleben muss ich nicht in Stuttgart leben, das kriege ich auch von Ferne aus hin.

Wenigstens habe ich aus Alter und Arbeit auch etwas gelernt: Arbeit allein macht dich nicht glücklich, auch wenn du deine Arbeit liebst. Es hat noch niemand auf dem Sterbebett gesagt: „Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet. Weißt du: die eine perfekte Powerpoint-Präse noch rausgehauen!“ Was die Leute dagegen bereuen: „Ich wünschte, ich hätte mir mehr Zeit für meine Familie genommen.“ „Ich wünschte, ich hätte etwas getan, das anderen Menschen hilft.“

Saufen und Feierwehr

Also werde ich jetzt im Kaff darauf achten, mehr Dinge zu tun, die der Mensch zum Seelenheil braucht. Ich werde ein Praktikum beim Rettungsdienst machen und mich dort oder bei der Feuerwehr engagieren. Ich werde weiter fechten, und diesmal mehr Zeit mit den Sportkollegen auch außerhalb der Halle verbringen. Vielleicht finde ich ja wieder so tolle Fechter wie hier (falls einer von ihnen das liest: Ja, ich liebe euch alle.). Ich werde zumindest versuchen, die Nachbarn häufiger einzuladen; immerhin haben wir riesig viel Platz für den Sommer draußen (~2700 qm). Ich werde meine Mutter ins Haus holen. Vielleicht werde ich sogar mit anderen Menschen Motorrad fahren, was ich bisher fast nur zum Broterwerb tue und zum Spaß hauptsächlich alleine.

Unser Haus steht in Oberbalbach, das gehört zu Lauda-Königshofen. Die zugehörige Autobahn ist die buckelige (aber zu großen Teilen unbeschränkte) A81. Wenn ihr in der Gegend seit: ihr seid mir herzlich willkommen. Das habe ich aber auch schon in Stuttgart immer gesagt, wo Menschen viel häufiger vorbeikommen. Ich rechne also damit, dass ich künftig mehr mit Landwirten abhänge als mit Medienprofis. Und wahrscheinlich ist das gar nicht so schlecht.

 

Kommentare:

ältere
  • Jürgen 'JvS' Theiner meinte am 19. August 2019 um 14:39:

    Glückwunsch zum Umzug, und viel Spaß bei den Landwirten! Demnächst muss ich mal nach Bamberg, wer weiß, ob ich nicht einen Schlenker einbaue 😉

  • Richie meinte am 19. August 2019 um 14:54:

    Tja, jetzt is‘ rum. Kirchenvorstand fehlt noch. Feuerwehr find ich gut.
    Viel Spaß, Landei.

  • Ralf Zimmermann meinte am 19. August 2019 um 14:56:

    Viel Vergnügen auf dem Land. Ich bin mir sicher du kommst da gut zurecht! ….. und pass auf was du sagst, sonst klingelts irgendwann Sturm an der Tür! 🙂

  • Volker meinte am 19. August 2019 um 15:09:

    Das klingt großartig und ganz sich bist Du dabei, eine der wirklich wichtigen Kurven Deines Lebens brilliant zu meistern. Alles Gute!
    Ebenfalls großartig und mit einem feinem Florett gestochen „Mein Sozialleben war wie das eines Straßenhunds: Wir treffen uns, wir spielen, und dann sehen wir uns nie wieder“
    Allgemeingültig für die Erwerbs-Sklaven dieser Zeit.

    • Clemens Gleich meinte am 19. August 2019 um 15:38:

      Tja, leider trifft das halt auf viele zu. Im Alter besinnt man sich jedoch dann doch irgendwann darauf, was man mit seiner verbliebenen Zeit auf Erden anfangen möchte, und in dieser Zeit möchte ich das tun, was ich bisher zu meinem eigenen Nachteil vernachlässigt habe. Ich habe früher ja sogar Kröten über die Straßen geholfen und Biotope für die Wechselkröte angelegt. Ich habe hunderte Bäume gepflanzt. Interessant, dass das alles komplett unter der Arbeit unterging später …

  • Marcus meinte am 19. August 2019 um 15:27:

    Wenn mal einer Strom schnorren kommt, könnte ich das sein 😉
    Kommunikatives Engagement vor Ort kann sehr aufbauend sein, wenn man denn der Typ dafür ist. Ansonsten kann einen das Dorf aber auch fressen.
    Ich habe mich 10 Jahre aus allem herausgehalten, als ich alleine auf dem Dorf lebte, wenn jemand Hilfe brauchte aber gerne geholfen. Gib wo du geben möchtest, erwarte aber nichts im Gegenzug. Und pass mit dem Alkohol auf dem Dorf auf – don‘t mess with die Einheimischen 😉
    In der Stadt nutze ich von all den Möglichkeiten um mich herum quasi keine. Und Motorrad fahre ich weiterhin am liebsten alleine, da bekommt man wenigstens den Kopf frei… 😉
    Bei der Landschaft um euch herum, ist mein Neid aber mit euch! Wird sicher toll!

    • Clemens Gleich meinte am 19. August 2019 um 15:39:

      Strom schnorren kannst halt bei mir nur an der Schuko-Dose. Da wirst lange stehen. Und: Ich habe schon auf dem Land gelebt, für mich ist das nicht neu. Wie Du haben wir in Stuttgart nichts vom Stadtzeug genutzt. Stattdessen sprangen wir jeden Tag im Wald hier herum (Wohnung am Stadtrand). Also werden wir uns kaum umstellen müssen, sondern hauptsächlich günstiger leben.

  • Franz Steininger meinte am 19. August 2019 um 15:42:

    Du wirst ein schönes E-Fully brauchen, biste stressfrei im dort anscheinend tollen Geländer unterwegs und bringt ausser Spass noch Lebenskraft.

  • Karin Kühl meinte am 19. August 2019 um 15:49:

    Lauda-Königshofen da ist doch der Boxberg nicht weit, wir haben da mal 2 Trainings von der MO besucht 🙂 und zwar morgens hin und abends wieder retoure. Also so weit ist es zumindest von meinem Zuhause nicht. Vielleicht überfallen wir dich tatsächlich mal 😉

    • Clemens Gleich meinte am 19. August 2019 um 15:51:

      You are very welcome.

  • Thorsten Stephan meinte am 19. August 2019 um 16:33:

    Ok, vorletztes Wochenende waren wir in Collenberg bei Wertheim – wie 1400 Guzzifahrer auch. Und von da ist es garnicht mehr so weit.

    • Clemens Gleich meinte am 19. August 2019 um 19:34:

      Ich habe eine Rampe zur Zufahrt auf die Hangwiese. Die 1400 kriegen wir schon irgendwie unter.

  • Uli meinte am 19. August 2019 um 17:10:

    Ich nehme das mal als Einladung und werde versuchen, Dich zu finden wenn ich das nächste mal mit der VFR in den Süden fahre. Das Bild ist allerdings wenig hilfreich. Ich frag‘ mich halt durch. 😉
    Der Text ist wie immer großartig und auf dem Punkt. Erschreckend, daß es anderen mit ihren Sozialkontakten genau so geht – beruhigend, daß man damit nicht alleine da steht. Danke und viel Spaß auf‘m Dörp (hier würde man auch sagen Achterndiek).

    • Clemens Gleich meinte am 19. August 2019 um 19:33:

      Adresse steht nach dem Umzug ganz normal im Impressum, genau wie Telefonnummer. Darfst natürlich trotzdem versuchen, Dich durchzufragen.

  • Georg meinte am 19. August 2019 um 21:59:

    Spannend – ein sehr guter Plan mehr Zeit für sich zu haben und nicht zu leben um zu arbeiten

  • Christian meinte am 20. August 2019 um 7:33:

    Leider zu wahr, leider zu real. Naja, ich habs wenigstens auch schon erkannt und hoffe, meine RLZ sinnvoller als bisher zu verbringen. Ich wohne zwar schon halb auf dem Land, aber alles lässt sich ja bekanntlich verbessern. Dir/Euch alles Gute und viel Glück bei der Umsetzung zur richtigen Work-Life-Balance.

  • Made meinte am 20. August 2019 um 9:01:

    Hey Clemens, viel Schbass beim Umzug ;-))))
    Ist eine Menge Arbeit, aber schliesslich Arbeit für sich selbst, besser geht es doch gar nicht. Das Landleben ist sehr schön, aber wenn Du meinst es ist günstiger als in der Stadt, könnte das auch täuschen, denn Du fährst dafür weitere Wege. . . . .
    Euch alles Gute und gutes Ankommen auf dem Land !

    PS: ist Dir eigentlich aufgefallen, dass Ihr gegen den Strom schwimmt ? ->> Viele ziehen in die Stadt, Ihr macht es genau umgekehrt und damit meiner Meinung nach genau richtig 🙂

    • Clemens Gleich meinte am 20. August 2019 um 9:17:

      Naja, mein Arbeitsweg ist dann immer noch vom Schlafzimmer ins Büro rüber, also genauso billig. Und die Fahrt zum Einkaufen ist sogar kürzer am neuen Wohnort. Es könnte teuer werden, wenn wir uns ein zweites Auto leisten, aber das machen wir dann entweder aus gutem Grund oder zum Spaß.

  • eugen meinte am 20. August 2019 um 9:30:

    alles schön und gut, aber was sagt die ktm dazu?

    • Clemens Gleich meinte am 20. August 2019 um 10:00:

      Franken ist super für Motorräder. Sie wird dort sicher mehr gefahren als hier.

  • Volker meinte am 22. August 2019 um 12:09:

    Du bringst das mit den „Freunden“ sehr präzise auf den Punkt. Natürlich gehören zum Sozialleben immer mindestens zwei. Viel Erfolg bei Immobilienfinanzierung, Umzug und natürlich Spaß auf dem Land. Wenn das die Bude auf dem Bild ist, bist Du von Spießern, Bürgermiliz eun Eigentümerversammlungen hoffentlich weit genug weg.

  • AvdM meinte am 5. September 2019 um 11:39:

    Hallo Clemens,

    ich bin in Stuttgart geboren, bin aber im Nordschwarzwald groß geworden.
    Ich kann Dich gut verstehen, der residente Stuttgarter ist nicht zu tiefen langwierigen Sozialkontakten geschaffen.
    Trotzdem vermisse ich die Stadt und deren Bewohner, das muss an den genen liegen.

    ich hoffe es gelingt Dir auf dem Dorf die Integration zu meistern. Ich bin ähnlich den jibs hinterhergezogen und fand und finde es auf dem Dorf viel schwieriger, da hier die Netzwerke viel älter und viel stabiler sidn als in der Stadt. Im Schwarzwald kann das schin mal zwanzig Jahre in Anspruch nehmen 😉

    Da ich Deine Artikel und Videos mit großer Freuder verfolge, speichere ich Deine Einladung ganz fest ab wenn es mich in die gegend treibt. Dann können wir uns vielleicht über bessere Strategien austauschen.

    VG
    Alex

    • Clemens Gleich meinte am 5. September 2019 um 13:00:

      Ja, gerne!

  • AvdM meinte am 5. September 2019 um 11:42:

    ey ey ey, leider hat die Ergraung der Schrift in meinem Browser zu einer eklatanten Anzahl an Schreibfehlern geführt die einer journalistischen Seite wie dieser nicht würdig sind.

    Leider kann ich den Beitrag nicht editieren und bitte um Entschuldigung.

  • Wolfram meinte am 16. September 2019 um 6:54:

    Herzlich Willkommen im Deutsch-Deutschen Grenzgebiet! 🙂 Von Oberbalbach aus kann man ja auch nach Bayern rüberspucken … Wie bei uns in Kreßberg.

  • Markus Golletz meinte am 25. September 2019 um 22:14:

    Hi Clemens,
    Das ist ja fast schon im Norden. Alter Franke. Ich glaube, ich komme mal vorbei. Wie oft im Quartal, weiß ich noch nicht :o). Es wäre ja mal ein Anfang. Viele Grüße aus Ligurien,
    Markus

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