zerstörter Stecker

Elektroautos: Was kostet der Strom?

Die Bundesregierung wirft mit Geld um sich, damit die Leute Elektroautos kaufen. Doch was kostet dann eigentlich der Strom dafür?

Ein kleines Vorwort: Es ist passiert! Nach Jahren ist es passiert: Ich habe einen Text, den ich hier veröffentlichen kann! Die folgende Betrachtung bestellte das Magazin Walter zum Thema Stromkosten für Elektroautos. Nach Fertigstellung fürchtete der Chef aber, die Leser könnten das doof finden, schmiss das Thema raus und hier sind wir: kostenlose Stromkostenberatung!

Bevor die Regierungsgeschenke zum Neukauf von E-Autos wirtschaftskrisenbedingt deutlich erhöht wurden, kamen auf einen Ladepunkt etwa zehn Elektroautos (eine Ladestation hat meistens 2 bis 3 Ladepunkte). Diese Rate soll nach den Ausbauplänen der Regierung in etwa so bleiben. Die meisten Ladevorgänge finden zuhause statt und so soll es bleiben. Deshalb gibt es zum Beispiel ab dem 24. November 900 Euro geschenkt beim Kauf einer privaten Wallbox (Details auf KFW.de). Der Plan bedeutet für Ladesäulenbetreiber jedoch, dass sie mit der aktuellen Rate von Ladepunkten zu Autos langfristig Geld verdienen müssen. Als das den Entscheidern bewusst wurde, verschwanden viele Lockangebote für Strom, ersetzt durch Preise, die das elektrische Fahren deutlich teurer machen als von den meisten Elektropionieren vorher prognostiziert.

Die Messlatte dabei ist der durchschnittliche Strompreis für Haushaltsstrom. Der liegt in Deutschland mittlerweile bei knapp über 30 ct / kWh. Die deutschen Strompreise für uns Endverbraucher gehören eben zu den höchsten der Welt. Ein effizientes Auto (wie etwa ein Tesla Model S oder 3) verbraucht auf der Autobahn im Sommer etwa 20 kWh / 100 km, wenn du brav mit Tempomat 130 fährst. Dazu kommen beim Laden noch meistens 10 Prozent Verlustleistung, die du mitbezahlen musst. Bei ineffizienten Autos oder Ladegeräten (Hallo, Smart! Hallo, Renault!) kann es auch deutlich mehr Strom werden, vor allem im Winter, wenn Verbrauch und Innenwiderstand steigen. Fahrzeuge wie Smart EQ Fortwo, Renault Zoe, Peugeot e-208, Opel Corsa-e, ja sogar der neue VW ID3 verbrauchen bei Minusgraden praktisch das Doppelte wie im Frühling. Im Smart EQ Fortwo maß ich bei Minusgraden über 28 kWh / 100 km, im Peugeot e-208 bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bis über 37 kWh / 100 km im Kurzstreckenbetrieb (Strecken von 10 bis 15 km meistens).

Bei diesen Verbräuchen kostet es aktuell weniger, mit Diesel zu fahren – selbst, wenn du zuhause auflädst. Unterwegs Strom kaufen kostet eher mehr, so wie der Treibstoff an der Autobahnraste mehr kostet als bei der Baywa-Tanke hinter der Scheune. Also: Kann man nicht noch irgendwo kostenlos Strom schnorren?

Plug-in-Hybride zeigen das Problem deutlich: Häufig lohnt es sich schon allein anhand der Energiekosten nicht, diese Autos aufzuladen. Schadé. (Bild: Daimler)

Reste von Lockangeboten

Doch, das geht. Zwar haben praktisch alle professionellen Stromverkäufer ihre kostenlosen oder fast kostenlosen Angebote eingestellt, aber man findet kostenlose Lader in den Bereichen, in denen der kostenlose Strom Kunden zum eigentlichen Geschäft des Betreibers locken soll. Viele Filialen von Aldi, Lidl, Ikea, Rewe, Kaufland, Bauhaus, Hagebau, Hornbach und Globus haben schon in der ersten Elektrohype-Welle Ladestationen auf ihren Parkplätzen installiert, teilweise sogar teure Schnellladestationen. Manche bauen aktuell welche zu, etwa McDonald‘s, Burger King und die Toom-Baumärkte.

Zu den Öffnungszeiten der Geschäfte kann man an vielen dieser Säulen auch heute noch kostenlos Strom beziehen. Viele Schnorrer nutzen das dreist, um sich im Auto am Smartphone daddelnd den ganzen Akku für umme vollzurüsseln. Wie lange die Geschäfte sich das angesichts steil steigender E-Auto-Zulassungen gefallen lassen, wird die Zeit zeigen. Wer diese Angebote liebt und sie lange erhalten will, sollte möglichst sozialverträglich nur während der Einkaufszeit laden. Auf dem Fanprojekt GoingElectric.de oder in manchen Ladestation-Suche-Apps gibt es Filter für die Anzeige kostenloser Angebote. Die Tendenz geht aber zu kombinierten Angeboten. Bauhaus etwa lässt dich eine Stunde kostenlos laden, danach kostet die kWh 28 Cent. Bei McDonald‘s legen die Betreiber den Strompreis fest, meistens kostet es etwas.

Periodisch kommt auch DAS Lockangebot schlechthin wieder: Wer ein Tesla Model S oder X kauft, erhält dafür manchmal eine Zeitlang kostenlos Strom. Tesla bringt solche Angebote immer mal wieder, um die Verkäufe dieser Modelle anzukurbeln. Ansonsten kostet die kWh in Teslas Supercharger-Netz aktuell 35 Cent.

Dauerhafte Stromverträge

Früher hatte der Elektroautofahrer einen Sack voll verschiedener Ladekarten im Handschuhfach. Diese Zeiten sind zum Glück größtenteils vorbei. Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. Die Spreu wurde unlängst vom deutschen Verbraucherschutz abgemahnt: Die Verbraucherzentrale sah die nach Zeit abrechnenden Tarife von Digital Charging Solutions (DCS), Plugsurfing und die willkürlich wirkenden Tarif-Updates bei Maingau (EinfachStromLaden) als wettbewerbswidrig an, weil sie Verbraucher verarschen. Diese Kostenfallen werden gerade durch kWh-Tarife ersetzt.

Der wohl größte Anbieter von unterwegs-Strom ist der Energiekonzern EnBW. In deren Tarif kostet der Strom 29 ct / kWh für langsameres AC-Laden und 39 ct für schnelleres DC-Laden. Dazu kommt eine Grundgebühr von 5 Euro im Monat und eine Blockiergebühr für Standzeiten von über 4 Stunden, damit die Ladesäulen nicht als Parkplätze missbraucht werden. ADAC-Mitglieder erhalten den gleichen Tarif ohne Grundgebühr als „ADAC eCharge“. Damit kannst du an über 30.000 Ladepunkten in Europa laden, immer für denselben, transparenten Preis. Die konkreten Betreiber der Ladesäulen machen das dann alles mit der EnBW aus, der Kunde muss nichts tun (Roaming). Wenn du dir unsicher bist, welchen Tarif du am besten haben solltest: Nimm den ADAC-Tarif. Kunden von Maingau Energie fahren wahrscheinlich auch mit deren Tarif „EinfachStromLaden“ ganz gut, der fast gleich viel kostet. Die willkürlich pro Kunde zugewiesenen Tarife, mit denen Maingau jüngst Schlagzeilen machte, werden dauerhaft angesichts des europäischen Verbraucherschutzrechts nicht haltbar sein. Sie kamen durch unser Roaming-Chaos zustande. Der Normaltarif ist gut.

Ansonsten lohnt es sich auch, die Ladetarife der Autohersteller anzusehen, denn sie schenken Neukäufern stets eine Zeitlang die Grundgebühr ihrer Tarife. BMW, Porsche, Mercedes, Volkswagen und Kia haben Tarifstrukturen im Programm, die sich jeder Neukunde anschauen sollte, und wenn er sie nur in der ersten, Grundgebühr-befreiten Zeit nutzen will. Hyundai zahlt Neukäufern 5 Jahre lang den EnBW-Tarif-Grundpreis. Manchmal packt auch der Stromanbieter einen Locktarif für E-Autos zum Haushaltsstromtarif. Das war bei Maingau Energie lange Zeit so, bis es zu viele Kosten verursachte. Aktuell gibt es für Lichtblick-Kunden Fahrstrom auf ADAC-Niveau. Wer dort ohnehin Strom bezieht, sollte sich dieses Angebot holen, so lange es noch existiert. Denn bei Lichtblick gibt es Ionity-Strom für 39 ct / kWh. Das ist nicht mehr selbstverständlich.

Die Sache mit Ionity

Die Autoindustrie rollt gerade ein Schnellladenetz über Europa aus. Es heißt „Ionity“. Der Name wurde vielen spätestens dann bekannt, als Ionity kürzlich angab, jetzt 79 ct pro kWh an ihren Schnellladern zu nehmen. Ionitys 79 Cent sind der sogenannte „Ad-Hoc“-Tarif für Kunden, die keinen Vertrag mit Ionity oder einem Partner abgeschlossen haben. Die Ladesäulenverordnung sieht vor, dass jeder, der vom Staat Geld erhält, um Ladesäulen aufzustellen (dazu gehört Ionity), jeden Interessenten laden lassen muss. Nur den Preis darf der Betreiber selbst festlegen. Da sich Hochleistungs-Ladestationen schwer rentieren, kamen wir zu diesen 79 Cent. Besser geht es mit auf Ionity zugeschnittenen (meist quersubventionierten) Tarifen. Porsche-Taycan-Fahrer laden für 34 ct / kWh inklusive Ionity. Volkswagen hat in seinen unübersichtlichen Gewurschtel-Tarifen zu ihrer „WeCharge“-Karte auch ein Angebot für günstigen Ionity-Strom. Mercedes nimmt 28 ct / kWh an Ionity-Säulen in Mercedes me Charge. BMW hat Ionity als zubuchbare Option für 35 ct / kWh in vielen Tarifen – Grundgebühr 13 Euro im Monat. Kurz: Wer das öfter braucht, wird sich einen Vertrag holen, der es günstig macht, und wer es selten braucht, für den ist es eben billiger, einmal im Jahr 79 ct / kWh zu bezahlen. Es geht auch nicht anders, als sich aktuell immer neu zu informieren. Seit ich diesen Text vor einigen Tagen einstellte, hat Plugsurfing zum Jahresende den für Vielfahrer guten Plus-Tarif eingestellt und die Preise erhöht auf bis zu 1,09 EURO pro kWh an Ionity-Säulen. Schlechtes Signal, denn da fährt man mit V8 wesentlich günstiger und weiter.

Das Schlimme an Ionitys Preisgestaltung ist daher generell: Sie bieten offenbar Resellern/Roamern keine guten Tarife an. Also stiegen erst die EnBW, dann Maingau Energie und schließlich Plugsurfing Plus dort aus, sodass du dich aktuell immer gesondert um Ionity kümmern musst, darüber nachdenken musst, obwohl dein Tarif sonst alles abdeckt und vorher auch Ionity enthielt. Es wäre, als müsse man beim Mobilfunk-Roaming wie ein Schießhund darauf achten, dass man ja nicht bei O2 eingebucht ist, weil dann ein Gigabyte zwanzig Euro kostet. Denkt den vielzitierten „Europäischen Gedanken“, Ionity, und handelt mit den Volumenpartnern etwas aus, mit dem alle leben können! Und wie heißt das Zauberwort? „Zackig“. Update: Die EnBW lässt die Kunden von Mobility+  und ADAC e-Charge an Ionity zumindest abrechnen, allerdings zum Ad-Hoc-Preis von 79 ct / kWh. Der Kunde erhält vor dem Laden eine Warnung.

Oh Gott, ich lass‘ es!

Eine Schilderung von Details birgt immer das Problem, dass sie eben diese Details hervorhebt. Aus meiner persönlichen Erfahrung: Das mit dem Laden ist viel besser geworden. Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen von zehn Ladevorgängen einer ohne Probleme ablief. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Das hier schreibe ich, während ein Porsche Taycan friedlich auf einem Parkplatz Strom zieht. Es gab über die Tour von 1700 km keinen einzigen Fall von „funktioniert nicht“ oder „ich weiß nicht, wie viel ich später für diesen Strom bezahlen muss“. Erst beim Waschen für die Rückgabe zickte das erste Mal eine Ladestation.

Holen Sie sich den ADAC-Tarif und die App dazu („Mobility+“), fertig. Ihre erste Route planen Sie dann am besten mit „A Better Route Planner“ (App oder Website), damit Ihnen nicht das passiert, was Zeitungsredakteuren bei der „Recherche“ ihrer Geschichten à la „wie ich das erste Mal unvorbereitet E-Auto fuhr und bemerkte, wie unvorbereitet ich war“. Sie dürfen mich sogar persönlich um weiteren Rat fragen , so sicher bin ich mir, dass es besser geworden ist. Und nie vergessen: Die meisten Ladevorgänge finden daheim statt und das soll nach allen Plänen auch so bleiben.

Harley Livewire lädt neben der Mülltüte. Doch bei Deutschlands Haushaltsstromtarifen ist daheim laden nur wirklich ökonomisch, wenn Solarstromplatten auf dem Dach liegen.

Die Zukunft

Ich glaube, dass die Betreiber mit Tarifen knapp über Haushaltsstrom-Niveau ihren Schnitt machen können. Das ist das, was zum Beispiel die EnBW sagt über ihre Planung. Die meisten Anbieter liegen jedoch darüber, was ein Indiz dafür ist, wie schwierig dieses Geschäft ist. Es kann durchaus bald passieren, dass auch die EnBW kräftig die Preise erhöht. Fest steht, dass Strom nicht billiger werden wird. Die Tarife für Haushaltsstrom steigen seit Jahren. Da auf Fahrstrom dieselben Umlagen erhoben werden, schaut es dort nicht besser aus.

Der Staat könnte Fahrstrom durch Umlagen-Befreiungen günstiger machen. Wird er aber nicht tun. Stattdessen erhöht er ab 2021 schrittweise die Kosten für Benzin und Diesel per CO2-Bepreisung. Das heißt schlicht und ergreifend, dass Autofahren teurer werden wird – egal mit welchem Antrieb.

Gib mir dein Geld, bevor du es Volkswagen gibst! ?

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Kommentare:

ältere
  • Volker meinte am 13. Januar 2021 um 17:53:

    U-oh. Kann ich gut nachvollziehen, daß die bittere Pille in der Petrolheadpostille möglicherweise nicht so gut ankommt. Wie muß ich mir „schmiss das Thema raus und hier sind wir: kostenlose Stromkostenberatung“ denn vorstellen? Die haben bestellt, Du hast geliefert, sie wollten es dann nicht, haben aber trotzdem bezahlt? Zu schön um wahr zu sein, aber eigentlich fair. Würde im – haha! – Restaurant ja auch so laufen.

    Das mit den *ahem* „Gratisangeboten“ gibts übrigens schon noch flächendeckend: https://gonium.net/schwarzladen.html. Aber OK, bis wir das Subventionsniveau der Atomkraft erreichen, muß die Bundesregierung noch säckeweise mehr klingende Münze in das System einwerfen, vielleicht sind diese rufschädigenden Sicherheitslücken damit auch abgedeckt.

    • Clemens Gleich meinte am 14. Januar 2021 um 9:46:

      Man kriegt dann ein sogenanntes „Ausfallhonorar“, also weniger Geld als für einen gedruckten Artikel. Das aber auch nur bei den verbliebenen Gerechten, meistens hast du einfach Pech, wenn ein Kunde etwas Bestelltes dann doch nicht haben will.

      • Volker meinte am 14. Januar 2021 um 17:02:

        … „meist einfach Pech“. Oh. Wie liebenswert! Das wäre dann vermutlich das letzte Mal, wo ich für so eine Bude gebuckelt hätte. Aber vielleicht gibts da ja irgendwo nen Internetpranger für, dann kann man sich vorher schlau machen.

  • Volker meinte am 13. Januar 2021 um 18:03:

    Ahso. Wer jetzt wutschäumend sagt: „Die Beiträge auf https://gonium.net/schwarzladen.html sind ja laaaaaaange her!“, der möge sich bitte https://gonium.net/blog/2020/02/14/kaputt-bleibt-kaputt/ zu Gemüte führen. Meinjanur.

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