Kurztest: Polestar 2 im Winter

Kürzlich kam nach langer Wartezeit endlich der Polestar 2 zu mir, das elektrische Auto der Volvo-Marke aus dem chinesischen Geely-Konzern. Ich hatte es vor einem Jahr schon angefragt, weil ich mir Android Automotive OS auf der Mittelkonsole anschauen wollte für diesen Artikel. Ich dachte daran, bei Volvo vorbeizufahren und mit einem Experten im Auto über die Mittelkonsole zu sprechen, damit wir das früh machen können. Stattdessen brachten sie lieber spät das Auto vorbei. Auch gut. Nun ist Android Automotive OS DAS große Thema des Autos, weil es das erste Serienfahrzeug damit ist. Doch das Auto ist insgesamt sehr schön geworden, mit einem großen Wermutstropfen: Das Ding verschwendet Strom wie ein unrenovierter Altbau voller Nachtspeicherheizungen. Jetzt im Winter schafften es Kollegen in ganz Deutschland in Stadt-, Land-, Autobahnbetrieb es kaum jemals, unter 30 kWh / 100 km NETTO (also intern angezeigt) zu kommen. Brutto wird es noch einmal ärger. Beim (nicht besonders relevanten) Fotofahren mit oft aussteigen und Wärme verlieren verbratzelte ich knapp 50 kWh / 100 km brutto gemessen. Dazu kam eine bei 6° C enttäuschende DC-Ladeleistung von maximal 80 kW, schnell sinkend. Wie so oft bei Exoten: Das muss man wollen, das Auto.

Erkenntnis: Sicherheit muss nicht nerven

Wenn ich mit Autoherstellern über Sicherheitsnervereien spreche, kommt häufig als Erklärung: „Wir brauchen das, damit wir alle Euro-NCAP-Sternchen sammeln können.“ Der Polestar 2 durchläuft noch die Prüfungen, doch rechnen wir mit den 5 Sternen, die Volvo immer schafft, denn auch aktuelle Volvo-Autos nerven bemerkenswert wenig. Es geht also, wenn man will. Der Polestar piept dich fast nie mit irgendwas an. In der tollen Ikea-Stoff-bezogenen Kabine herrscht herrliche Piep-Ruhe. Ich sage dem Google Assistant „Spiel mir ein bisschen Classic Rock von Spotify“, und der Google Assistant spielt mir Classic Rock von Spotify. Trotz schmaler Hardware zappt das Infotainment-System flüssig, die Bedienung erklärt sich größtenteils selbst. Ich kenne keine angenehmere Kabine in derzeitigen Autos. Es hat wirklich etwas von Ikea: Die Qualität ist für den geforderten Preis nicht toll, aber die Ideen und Konzepte funktionieren auch mit okayer statt toller Verarbeitungsqualität.

Das Fahren im Polestar ist nahezu narrensicher. Obwohl aus dem Fahrwerk Poltergeräusche in die Kabine dringen, mangelt es dem Allradantrieb nie an Traktion. Ich schrieb dazu als Ersteindruck „fährt wie ein Elefant mit Polenböller im Arsch“, und verständlicherweise baten mich Leser, diese Metaphorik zu entpacken. Also: Der Polster zieht mit einer erstaunlichen Dringlichkeit an, die auf die möglicherweise bald folgende Explosion zurückführbar wäre – oder auch nur auf das unangenehme Fremdkörper-Gefühl von hinten. Die hohe Masse von 2,1 Tonnen in Verbindung mit dem Allradantrieb schaffen eine Verbindung zum Elefanten, dessen vier Knie ähnlich für Vortrieb sorgen wie ein neutral zwischen den Achsen abgestimmter Allradantrieb. Ist doch klar, oder? Bei den Fahrhilfen greift der Spurhalte-Assi manchmal spürbar ins Lenkrad, was mich nicht so störte, denn a) muss man nicht wie bei Volkswagen dauerhaft gegen einen Spurhalter ankämpfen, der b) innerhalb von 100 Metern in den Graben fährt, wenn er seinen Willen kriegt (wie bei Volkswagen). Meine Erwartungshaltung an solche Systeme liegt niedrig.

Das narrensichere Fahren hat jedoch noch einen anderen Aspekt: Die Fahrhilfen sind nicht abschaltbar und selbst auf dem „Sport“-Setting des ESP erlaubt der Skandinavier fast nichts, was über geradliniges Elefantenstapfen hinaus geht. Das ist schade, denn ich bin ein Freund des Herumspielens mit Autos im Schnee. Nächste Woche berichte ich davon, wie ich im Heckantriebs-Taycan einmal im Drift meine Duke-Hausstrecke über den Ruhestein Allerheiligen hinunter und dann wieder hinaufrodelte, einsam auf weiter, schneebedeckter Strecke. Das kann man natürlich für unwichtig erachten, aber angesichts des interessanten Fahrwerks des Polster finde ich es sehr schade. Vielleicht zu viel Volvo-Einfluss: Ich bin grad den Volvo XC40 Recharge PHEV gefahren, dessen Sicherheitskonzept in einer so epochalen Fahrlangeweile liegt, dass dir erst das Gesicht einschläft und dann der Gasfuß. Wir hoffen auf eine R-Version mit Ausschaltknopf, der tatsächlich ausschaltet.

Grünschnitt oder Kinder

Als eins von wenigen Elektroautos hat der Polster eine Anhängerkupplung (wegklappbar), mit der er bis zu 1500 kg gebremst zieht. Schminkt euch den Wohnwagen ab, da kommst bei diesem Verbrauch nicht weit, aber Grünschnitt wegbringen, Fliesen/Zement/Holz kaufen, das passt super. Die hintere Sitzbank schaut auf den ersten Blick ganz gut aus, allerdings stößt man schon bei 180 cm Körperlänge am Dachhimmel an beim zurücklehnen, müsste also geknickten Kopfes fahren. Hinten also eher für Kinder. Kollegen bemängelten den 405 l großen Kofferraum als zu klein. Der 10 cm längere 3er-BMW hat 480 l. Ich fände einen Polestar-Kombi mit AHK cool. Kommt wahrscheinlich irgendwann.

Die Frage bleibt: Sollte ich dieses Auto kaufen? Und da sollte sich keiner Illusionen machen: Kauf das nur, wenn du einen coolen Exoten haben willst. Über den Sommer wurde der Antrieb des Autos neu geflasht, weil sich der Polstar komplett bricken konnte, wie der Ami sagt: Alles fällt aus, alles wird schwarz, nichts geht mehr. Das wurde (hoffentlich) behoben. Jetzt mit Software-Update klagen Kollegen über Tachozickereien. Der Stromverbrauch ist ungemütlich hoch. Die Detailverarbeitung reißt mich nicht vom Hocker. Der vordere Kofferraum ist ein Witz, so nutzlos winzig. Hinten können nur Kinder, Kleine oder Gebückte sitzen. Die Fahrhilfen sind nicht abschaltbar. Aber wisst ihr was? Bis auf den letzten Punkt wäre mir das alles nicht so wichtig, weil ich dieses skandinavisch-chinesische Polsterchen wirklich lieben lernte. Und darum geht es eben bei Exoten.

Ich habe bald Geburtstag und ich wünsche mir einen Bürostuhl, weil ich auf einem alten Küchenstuhl mit Farbklecksen sitze. Wenn der Text nützlich/interessant war, wirf Geld in die Bürostuhlkasse! ?

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Kommentare:

ältere
  • Georg Gruber meinte am 29. August 2021 um 16:29:

    Danke, ich hatte den Polster(find ich gut!) ernsthaft ins Auge gefasst, weil ich seit ‘04 einen V70 fahre und seither Volvo geil finde, dieses unaufdringliche, verlässliche Funktionieren mit angenehmer Haptik – wie ein Hilti-Elektrowerkzeug.
    Wenn sich diese Anmutung offenbar, wie ich deb Bericht zu entnehmen meine, nicht auf Polestar übertragen hat und das Auto auch noch „säuft“ wie ein V8-Ami, dann bin ich raus.

    Nochmal Danke!

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