Szene auf der Segelyacht unter der Sonne der kroatischen Adria. Ein Freund sagt: „Ich hätte Lust, was zu veröffentlichen. Ich glaube, ich könnte diesen einen Text für ein Fachmagazin ändern. “ Ich sage: „Ja, dann mach das doch. Die Details der Redaktionsarbeit kriegst schon hin. Das kannst du.“ <- Das ist eine absichtlich ermutigende Standardantwort von mir. „Neinneinnein“, fiel da ein Langhaariger Programmierer ein, mich mit dem Zeigefinger bedrohend, „Duu kannst das. Nur weil dir das leicht fällt, kann das nicht jeder.“ Die Aussage hat tatsächlich mein Weltbild verändert — mikroskopisch zwar nur, und ich habe es dem Langhaarigen gegenüber nicht zugegeben, aber ich war tatsächlich immer der Ansicht: Wenn ich das kann, kann es jeder. Wer es nicht kann, stellt sich einfach nur an.
Das fällt mir jetzt ein, weil die Urheberrechtsdebatte hochkocht, und das hauptsächlich deshalb, weil kein Mensch das Urheberrecht versteht. Alles, was Leute fordern, ist bereits geklärt. „Darf ich dasunddas?“ Ja, da steht’s doch! Das Problem ist: 0815-User wollen Gesetze wie „du darfst immer exakt 500 Zeichen zitieren“. Das Gesetz dagegen ist weich, weil so ein exaktes Umreißen weder möglich noch sinnvoll ist. Es kommt auf den konkreten Fall an. Ein Lyrik-Zitat kann mit 500 bereits zu lang sein, und eine Romanstelle mit 1000 noch zu kurz. Ebenso: Ab wann ist irgendwas eine Parodie? Das kann man gar nicht in ein Gesetz gießen, es gibt keine diskrete Messung dafür. Und jetzt der Rückgriff auf die Segelyacht: Das Urheberrecht ist offenbar so unverständlich, dass es selbst Profis nicht verstehen. Es passiert regelmäßig, dass Kollegen mich fragen, ob sie eine Textstelle verwenden dürfen, manchmal fragen jahrelange Seitenbetreiber sogar, ob sie verlinken dürfen. Das ist mehr als übertriebene Höflichkeit, das ist Unsicherheit. Keiner weiß, was Sache ist, traditionell hirnlose Politiker glauben immer noch, dass Piraten mit Säbeln auf dem Internet herumfahren, um das UrhG abzuschaffen, und deshalb wachsen wie bei einer Hydra immer neue Köpfe der Netzzensur.
Deshalb hier mein Beitrag zur Klärung. Ich kann die Gesetze (noch!) nicht ändern, ich kann sie aber in Bezug setzen: Das UrhG wird im Alltag des bezahlten Urhebens wie bei seiner Niederlegung vorgesehen mit Praxisverstand genutzt: Wie lange muss das Zitat sein, damit es das nötige Beispiel bringt? Ist das jetzt dem zitierten Text angemessen? Das Bild hätte ich gern, ich frage mal nach den Verwertungsrechten. Diesen Job des Schreibers mache ich jetzt seit über zehn Jahren, und ich hatte noch nie, kein einziges Mal, Probleme mit dem UrhG. Ich wage also zu behaupten: Es funktioniert. Es müsste jedoch für einen neuen Alltag, in dem so viele nebenher mashuppen, für normale Nichtprofis heruntergebrochen werden — eine Aufgabe eigentlich für die Mashup-Portale Youtube, Facebook, 9gag, Can.vas und wie sie alle heißen. Eine Aufgabe vielleicht sogar für eine Neuerfindung von AOL: „Wir erklären und präsentieren dir das Internet so, dass du ohne Unsicherheiten drin schwimmen kannst.“ Das alte AOL-Kinderplanschbecken reaktivieren also.
So. Das UrhG funktioniert. Die Durchsetzung funktioniert aber nicht, sagen viele. Böse Raubmordkopierer seien bereits über die Router in ihre Wohnungen eingedrungen, um Notenblätter und (ausgedruckte) Manuskripte zu stehlen. In der Realität hat sich die Kopiererei auf ein gesundes Niveau eingelevelt, auf dem sie z. B. bei eBooks keinen Einfluss mehr hat auf die Verkäufe. Jemand, der sich ein Buch einfach zieht, hätte das sicherlich nicht gekauft, wenn das nicht möglich wäre. „Jede widerrechtliche Kopie ein verlorener Verkauf“ ist typischer Verlags-Hirndünnschiss. Wie wir wissen: Dünnschiss entsteht aus Angst. Angst wiederrum sorgt für panisch überzogene Reaktionen. Damit sind wir bei: „Lasst uns das Internet verbrennen! Sonst kommen Arschpiraten aus diesem Wehlahn und verbrennen unsere Büüüchääärrr!!“ Eine Zensur findet dann statt. Freiheitsrechte, die der Kommunikation nämlich, werden marginalen Wirtschaftsinteressen Weniger untergeordnet. SOPA, ACTA, PIPA, AIDS und wie sie alle heißen sind die letzten Zuckungen der Nichtversteher moderner Zwischenmenschlichkeit.
Wir erleben gerade einen großen Paradigmenwechsel, vergleichbar mit dem zu Gutenbergs Zeiten. Damals: „OH NOES!! Das Prekariat kann ja dann Bücher lesen!! Das Abendland wird vergehen, weil wir nicht mehr in Latein auf Pergament handlettern! Und wenn selbst Frauen lesen dürfen, wann kochen die denn dann?!!“ Heute: „OH NOES!! Iieh-Bucks und Internetz zerstören die abendländische Kultur, weil sie nicht nach Papier riechen!! Deutschland wird in Orks versinken, ich seh’s kommen!“ Und in Zeiten des Umbruchs gibt es immer Chancen genauso wie das Blut derer, die auf der Strecke bleiben. Ja, es geht gerade um Urheber, um Leute wie mich.
Sanft lässt Anwalt Thomas Stadler anklingen, dass es nach dem deutschen Grundgesetz kein Eigentum, keine Ansprüche ohne soziale Pflichten gibt. Ein reicher Mensch darf nicht alle Ostseestrände kaufen und absperren, nur weil er nackt baden will, und genauso werden wir nicht das unendlich nützliche Medium Internet zum diktatorstaatgleichen Überwachungsapparat umbauen, nur damit jeder Schaffende seine zwei Cent pro Gedicht kriegt. Freier Meinungs– und Datenaustausch ist gesellschaftlich und kulturell wichtiger als bezahlte Gedichte. Anwalt Udo Vetter spitzt es noch etwas weiter zu: „Ihr seid nicht systemrelevant.“
Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass Schaffende solche Aussagen gemein finden. Es soll doch bitte für Künstler ein garantiertes Auskommen möglich sein. Ja, das wär alles schön, aber das ist ein kommunistischer Gedanke, der in der Praxis mehrfach nachweislich nicht lebensfähig ist. Kathrin Passig hat es mal schön auf den Punkt gebracht in einem Post, den ich nimmer finde: Nur weil ich etwas kann, gibt es keinen Anspruch an die Gesellschaft, dafür auch bezahlt zu werden. Genau! Sonst wär ich schon längst GEZ-gesponsorter Pornostar. In der Realität müssen sich Urheber damit auseinandersetzen, was der Markt für ihren Output bezahlt. Und jetzt möchte ich doch mit einer positiven oder zumindest nicht ganz hoffnungslosen Note enden: Es gibt für Schreiber wie für Musiker den neuen Umstand, dass sie mehr als Dienstleister auftreten und Verkaufsausfälle so kompensieren können. Es wird heute weniger bezahlt für Produkte, aber das eigentliche Schaffen, das Schreiben und Lektorieren und Musizieren wird sehr wohl noch verlangt, also auch bezahlt. Alle, die das also gern und gut tun, haben diese Chance noch. Wer es weder gern noch gut tut, sollte allerdings vielleicht mal nachgrübeln, ob er auch noch was Gescheites gelernt hat.