„Ich bin nach ’45 geboren.“

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 22.07.2014

Das Interessanteste an der Fußball-WM war die Zeit danach, weil sie die bemerkenswertesten deutschen Neurosen großflächig zum Ausbruch brachte. Es ist halt auch eine merkwürdige Position: Jeder weiß, dass die führende Nation der EU früher mal zwei Weltkriege verloren hat. Da waren fast alle von uns halt noch nicht am Leben. Deshalb tauchen auf Facebook wütende Bildbeschriftungen auf: „Ich bin nach ’45 geboren und schulde niemandem was!“ Menschen vom Typ „AfD-Trotzwähler“ behaupten, es würde ihnen „verboten“, sich über die Weltmeisterschaft zu freuen. Wieso diese Ausbrüche? Wieso diese abstrusen, realitätsfernen Behauptungen?

Ich glaube, es liegt an einem großen Missverständnis. Ein großer Teil der arbeitenden Generationen in Deutschland denkt, dass man sich für den Krieg schämen müsse. Das ist natürlich ein bisschen schwierig, wenn man da nicht teilgenommen hat. Verständlich, dass ein Gefühl der Unfairness aufkommt. Aber es ist wie gesagt ein Missverständnis. Du sollst dich nicht schämen. Aber du sollst dich schon mit der Realität abfinden: Du profitierst bis heute von den Entscheidungen der Siegermächte zur Nachkriegszeit. Dein Geburtstag ist egal.

Was sagen solche Leute denn zu Dingen wie der Semperoper in Dresden? An deren Bau haben sie ja auch keinen Anteil gehabt. Da hör ich aber niemanden sagen: „Ooh, ich bin nach 1869 geboren, das geht mich nix an!“ Oder die Autobahnen. Oder alles, was die Leute in den Fünfzigern nach dem Krieg aufgeräumt haben. Unsere Vorfahren haben diese Welt maßgeblich gestaltet, und wenn man die Welt verstehen möchte, kann man sich nicht mit „alles vor meiner Geburt geht mich nix an“ herausreden.

Die USA stärkte Deutschland

Ganz konkret geht es Deutschland heute so gut, weil die Siegermächte zwangsläufig aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs lernen mussten. Vor allem Amerika hatte einfach Angst vor den Sowjet-Staaten. Also erlaubte man Deutschland (anders als nach dem 1. Weltkrieg), aus dem Staub aufzustehen und wieder wohlhabend zu werden. Die Siegermächte hätten Deutschland auch zerschlagen können; Vorschläge dazu gab es ja zuhauf, und eine reale Umsetzung: die DDR. Zusätzlich unterstützten die USA den europäischen Wiederaufbau mit den Hilfen aus dem Marshall-Plan.

Die Stellung Deutschlands in Europa und der Welt heute resultiert aus diesen Entscheidungen damals. Unsere mangelhafte Emanzipation gegenüber den USA. Der Führungsanspruch in Europa, der nur indirekt ausgelebt wird. Sogar die Eigenheit von Nazis, dass sie bis heute aus den unerwartetsten Wandtafeln kriechen, kommt aus dieser Zeit. Eine Nation nach dem Krieg wieder aufzubauen braucht knallharte Leute. Diese Knallharten waren jedoch im System der Nazis meistens auch schon Schaltstellen. Aus reinem Pragmatismus blieben sie regelmäßig am Steuer — in Behörden, Firmen, Instituten. Die prominentesten Nazis wurden in Nürnberg vor ein Gericht gestellt oder flüchteten nach Südamerika, wo sie hofften, das mit dem Krieg und den Juden bis zur Verjährung aussitzen zu können. Aber die im Alltag wichtigen Nazis mussten weiter arbeiten. Fast dasselbe galt auch für Nazikapital, für Ersatzwertträger zur entwerteten Reichsmark (z. B. Gold) gleichermaßen wie für Produktionsanlagen.

Wadenbeißer finden Nazigeldwaschmaschinen

Die Nazigeldwaschmaschinen Südamerikas sind durch die Wadenbeißerrecherchen von Leuten wie Gaby Weber gut belegt und das Wirtschaftswunder behält auch nur so lange seine mystische Verklärung, wie man sich von den Bildern der Zerstörung emotional einnehmen lässt. Nüchtern betrachtet war die überwiegende Mehrheit der Produktionsanlagen noch funktionsfähig, also konnten diese Anlagen Wert schöpfen, mit dem wiederum die Infrastruktur wieder aufgebaut wurde. Die meisten großen, alten, deutschen Firmen heute sind mit sehr viel Kapital aus dem Krieg gekommen — Kapital, das zu Kriegszeiten regelmäßig mit menschenverachtenden Mitteln erwirtschaftet wurde. Wenn sich also heute eine Firma BMW, eine VW AG oder ein Daimler anstellt, wenn sie über Abfindungen herumgreinen, dass sie ja alle „nach ’45 geboren“ sind, dann ist das eine billige Ausrede. Habt ihr „nach ’45″ eure Kriegskohle brav abgegeben und neu angefangen? Nein. Also Fresse.

Die Schwerindustrie, die chemische Industrie und die Autoindustrie fallen mir ein. Sie alle sind mit großen Vorteilen durch den Krieg und die Zeit danach gegangen. Diese Vorteile fallen bis heute der gesamten BRD zu. Da kann ich es sogar verstehen, wenn sich der Eine oder Andere dafür schämt, auf so einer Kapitalgrundlage zu operieren. Gut verständlich auch, dass es gerade Deutschen unangenehm ist, wenn Israel deutsche (teilweise geschenkte) U-Boote mit nuklearer Zweitschlagkapazität nachrüstet. Das sollte immer wieder öffentlich diskutiert werden. Unverständlich bleibt mir jedoch, wenn der moderne deutsche Profiteur der Nachkriegsentscheidungen Zahlungen an Israel rundheraus ablehnt. Selbst wenn du rein wirtschaftlich ohne jede Menschlichkeit denkst: Dieses Geld steht Israel zu. Wir haben sie zu Investitionen an Arbeit, Leben und Geld gezwungen. Da kann doch bitte auch der letzte AfD-Trotzwähler ihnen eine poplige Dividende gönnen — auch wenns nach 1945 ist.

Polizei gegen Bürger

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 17.07.2014

Ich muss mal kurz was in eigener Sache als Wahlstuttgarter hier hinstellen. Die Frage damals lautete: „Wir sind friedlich. Was seid ihr?“ Die Befunde aus dem Gerichtssaal zeigen das, was unser aller Erinnerungen entspricht: Wir waren friedlich. Ihr wart es nicht. Dass dieses Video nicht durch den üblichen -hups!- „technischen Defekt“ zuufällig vernichtet wurde, liegt wohl nur daran, dass die Angeklagten verzweifelt Schuld nach oben transferieren möchten, die ihre Vorgesetzten ihnen wieder nach unten kippen. Und dass man bei so einer Demo, auf die Schüler, Rentner und Mütter mit Kindern gingen, überhaupt von „wir“ und „ihr“ sprechen muss, sagt alles über diesen Einsatz der Polizei gegen Stuttgarts Bürger, was man wissen muss. Schämt euch, alle miteinander.

Richter geschockt von den Polizeivideos

Sollen Journalisten Autos testen?

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 17.07.2014

In „Was mit Medien“ sind Themen Themen, die eigentlich keine Themen sind, weil ich sie für Themen erkläre, obwohl sie nur uns Medienschaffende interessieren. Eins dieser Themen ist das ewige Missverständnis vom „Journalisten“, jetzt wieder wunderbar fachfern aufgelegt von den Printbloggern bei der „Auto Bild“. Im News-Teil der Ausgabe 27/2014 auf Seite 28 steht dort „Sollen Blogger Autos testen?“. Tja. Gute Merkwürdige Frage. Sollen Verkäufer Orangen verkaufen? Das kommt ja bisserl auf den Verkäufer an. Ein Obstverkäufer sollte schon Orangen verkaufen. Also sollte ein Autotestschreiber am besten auch testen, bevor er schreibt.

So eine Frage kann man nur stellen, wenn man Begriffe in seinem Kopf mit Bedeutungen überlädt, die außerhalb des Kopfes keine Realität enthalten. Ein Verkäufer ist jemand, der Dinge verkauft. Natürlich darf der Begriff im Schreiberkopf mystische Dimensionen immenser Wichtigkeit annehmen. Wo wären wir ohne Verkäufer? Ganz sicher nicht auf dem Wochenmarkt. Das wäre sehr schlimm. Und so weiter. Für die Autobild ist „Journalist“ ein im kollektiven Redaktionskopf bis zur Unkenntlichkeit überladener Kampfbegriff geworden, weil die Autobild auf lange Sicht gesehen im Medienwandel um ihre Existenz kämpft. In der Realität ist „Journalist“ ein völlig ungeschützter, von jedem auf sich anwendbarer Begriff für eine Person, die Informationen kompiliert und in Sprachform aufbereitet publiziert. Für den Deutschen Journalistenverband (DJV) muss das „hauptberuflich“ passieren, aber wie gesagt: Jeder darf hier finden, was er möchte. Der DJV findet halt das, was ihm die meisten Mitgliedschaften verkauft, deshalb nimmt er durchaus auch nicht „hauptberuflich“ journalistisch arbeitende Schreiber auf. Ich finde (ebenso willkürlich), dass ich kein Journalist bin, weil ich ungern mit DJV-Mitgliedern verwechselt werden möchte. Im DJV ist man ja nur, wenn man für diese Presserabattschnorrerseiten den Presserabattschnorrerausweis haben will.

Die Autobild willkürt noch einmal anders als DJV oder ich: „Autoblogger sind selten Journalisten“, steht im Anlauftext. „Trotzdem nimmt der Verband der Motorjournalisten sie auf. Pressesprecher sind auch zugelassen.“ Was zum Fick? Wo fängt man da an mit Nichtverstehen? Was ist jetzt die Nachricht? Ich greife zum Skalpell: Die „Pressesprecher“ kommen nicht weiter vor, die schneide ich als Redigierleiche oder sonstigen Wurmfortsatz ab. Der „Verband der Motorjournalisten“ (VdM) ist dasselbe wie der DJV, nur ohne schicken Lack und deshalb billiger. Der DJV ist mehr die Edelnutte aus biodynamischem Anbau, die dich voll versteht und so, während der VdM ganz hemdsärmelig Mundverkehr am Straßenstrich anbietet. Ist ja nix verkehrt dran. Aber wieso sollte der VdM seine Dienste Autobloggern verwehren? Schon der erste Satz ist nüchtern betrachtet falsch. Autoblogger sind immer Journalisten, wenn sie das wollen.

Beates minderwertige Mitmenschen

Glücklicherweise klärt der Brottext, was das eigentliche Problem ist. Eine Beate Glaser, „langjähriges VdM-Mitglied“ und Herausgeberin eines Kraftfahrtkäseblattes, das man per FAX (!) kriegen kann, beweist, dass sie auch sonst gedanklich noch stabil in der Monarchie verweilt. Sie stört, dass Autoblogger auf Fahrzeugpräsentationen kommen „und dort arbeitende Journalisten behindern, indem sie etwa Gesprächspartner und Autos blockieren“. Das ist doch ein dickes Ding! Minderwertige Menschen stehen der wichtigen Beate im Weg! Das muss unterbunden werden! Schreibt ihr neue Gesetze, auch, damit sie sich beim Bäcker nicht länger hinten in der Schlange anstellen muss. Am Ende wollen diese Blogger noch das Wahlrecht!

Dass Beates Befürchtungen berechtigt sind, belegt die Autobild im nächsten Satz: Der VdM stelle Bloggern „sogar“ Presseausweise aus! Oh mein Gott! Moment, ich brauch hier mein Shift-Lock: SELBSTVERSTÄNDLICH stellt der VdM jeglichen KFZ-Schreibern Presseausweise aus (sogar der Beate). Um in der Metapher zu bleiben: Die Bordsteinschwalbe schickt doch keine zahlenden Kunden ihres Rasters weiter, das wäre völlig unprofessionell von ihr. Dann kommt noch der „renommierte Journalistik-Professor“ Michael Haller zu Wort. Haller ist so ein bisschen der Dudenhöffer der Medienszene: eine Art menschliches Glutamat, das nährwertfrei den Geschmack der eigenen Meinung verstärken soll. Okay, das ist ein bisschen unfair. Haller ist einfach alt, vor allem im Denken. Publikationen kommen auf Papier, sonst sind sie grundsätzlich scheiße. Publizisten kommen seinen Weg, sonst sind sie grundsätzlich Pfuscher.

Auf jeden Fall sagt Haller: „manchmal bloggen auch Journalisten“, womit er wahrscheinlich klarstellen möchte, dass er seine in den Siebzigern eingegipste Meinung keinesfalls entkalken wird. Denn: „Wenn der Berufsverband nun auch diese Blogger aufnimmt, heißt das, dass er nicht wissen will, was Journalismus ist.“ Da fehlt ein „meiner Meinung nach“ vor dem „ist“, lieber Michael Haller. Du musst halt in Betracht ziehen, dass die Bordsteinschwalbe nicht an deiner versteinerten Meinung zu ihrem Geschäftsmodell interessiert ist. Guter Journalismus ™ hier am Ende doch noch: Die Autobild lässt Bordsteinschwalben-Geschäftsführer Strohbücker zu Wort kommen, der zu Protokoll gibt, dass „diese Blogger“ (Haller) willkommene Kundschaft sind. Ich bleibe dabei: Es gibt außer der Selbstbezeichnung keinen Unterschied zwischen „Bloggern“ und „Journalisten“. Beide Begriffe darf jeder beliebig auf sich anwenden. Deshalb: Ja, Autobloggerjournalisten sind oft scheußliche Kreaturen. Das liegt aber nicht am jeweiligen Kampfbegriff, sondern an den Personen.

Wieso muss ich diese Seite bezahlen?

Rechts neben dieser (nicht-)News-Meldung noch ein Kommentar von einem Claudius Maintz, der den ersten Satz eines Fahrpräsentationstextes gelesen hat, um sofort Schaum in sein Hackbrett tropfend trotzzuschmollen, er sei stolz, ein Deutscher Redakteur zu sein, der mit dem Zollstock nachmisst und alle Konkurrenzmodelle auswendig kennt rhabarberrhabarber … Er fällt kurz gesagt schlicht auf das Baiting von Axel Griesinger herein. Axel, du alter Troll, hättest auch nicht gedacht, dass das so einfach wird, oder? Claudius schließt mit dem üblichen Kurzschluss: Die Leser zahlen, deshalb ist die Autobild super. „Amateurfunk dagegen ist gratis. Und umsonst.“ Grandios.

Für Medienbeobachter ist diese eine Autobild-Seite ein fettes Smörgåsbord der Herrlichkeiten. Ein Lacher am anderen, dichter wurde Unterhaltung selten getextet. Aber eben nur für die Betroffenen plus drei interessierte Beobachter. Da hat doch wieder keiner an die Leser gedacht, die mit dieser Nichtnews konfrontiert werden: „Was schreiben die da? Irgendwelche Websites sollen keine Autos testen? Wieso muss ich diese Seite bezahlen? Das ist nur euer interner Streit.“ Glaubt mir, Autobild, ihr könnt bei euren Lesern keinen Stich damit machen, über euren Job zu sprechen, sondern sowas kostet euch höchstens Sympathien: „Oh neiin! Der Rotwein war zu kalt!“ Viel wichtiger ist jedoch: Diese Themen sind hier drinnen unter uns Medienschaffenden hoch spannend. Da draußen bei den Lesern aber, wo ihr euer Geld verdient, da interessiert das keine müde Sau.

Die Magie der Ethikbremse

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 16.07.2014

Auf Google Plus entstehen immer wieder nette Diskussionen auf dem Niveau derer des Usenet damals, was wahrscheinlich daran liegt, dass meine Filterblase hauptsächlich aus alten Usenet-Veteranen besteht. Diese Diskussionen sind also nicht zwangsläufig nett, sondern eher zwangsläufig nerdig. Zum Google-Auto gab es eine große Medienkritik, und wie zu jeder Diskussion um autonome Autos stellte sofort jemand die Frage nach der „Ethikbremse„, wie sie Kristian Köhntopp nannte. Normal intelligente Menschen gehen statistisch bemerkenswert gehäuft davon aus, dass ein Autonomobil moralische Entscheidungen treffen kann, wird, ja: muss. Diesen Sachverhalt legte ich wie versprochen bei Daimlers zweiter Diskussionsrunde „Future Talk“ Experten vor, bei der es um Mensch-Maschine-Kommunikation im Kontext „autonome Fahrzeuge“ ging.

Martina Mara dirigiert Drohne

Martina Mara vom Future Lab Linz demonstriert an einem Quadkopter Mensch-Maschine-Kommunikation über Gesten (Mensch) und farbige Lampen (Maschine).

Die vorherrschende erste Reaktion war Unverständnis. Wer sich in der Praxis mit Unfallhergängen beschäftigt, sieht aus den Daten, wie klein das Zeitfenster ist. Entscheidungen in diesen Zeitfenstern sind sehr schlicht, weil sie sehr schnell passieren müssen. Meistens geht es primär darum, so viel Energie abzubauen wie noch möglich. Das ist eine einfache Entscheidung, die auf absehbare Zeit, teilweise schon heute eine Maschine schneller und damit besser umsetzen kann als ein Mensch. Eine Bewertung der Lebenswertigkeit von Menschen kann nicht einmal ein Mensch mit aller Zeit der Welt vornehmen. Ein automatisches System versucht es deshalb erst gar nicht. Beispiele von Ethikbremsen verwenden daher gerne Mengen, weil die einfacher sind. Ein voller Schulbus versus ein einzelner Mensch in einem Kleinwagen. Sowas.

Der Glaube kann Berge versichern

Diese Situationen sind allerdings auch nur so lange leicht, wie sie theoretisch bleiben. Im konkreten Fall kann es durchaus sein, dass der Schulbus die Variante ohne Opfer werden würde, während der Kleinwagen-Insasse durch die Art des Aufprallwinkels in Verbindung mit seinem Griff zum Kaffee verstirbt. Andere Denkschulen der Ethikbremse glauben, dass Autos dann Versicherungspolicen nachschlagen, um den billigsten Unfall zu wählen. Das operative Wort hier ist „glauben“, denn in den ersten zehn Generationen solcher Autos sehe ich die Zeit nicht, schnell noch Tarife nachzuschlagen. Schon die rein mechanisch-hydraulische Reaktionszeit einer Bremsanlage liegt bei einigen Dutzend ms.

Ein Werksleiter demonstriert diesen neuen, leichten Kuka-Roboter, der durch Kraftsensoren fühlen kann. Er lässt sich vom Menschen führen. Aber er hat keine Ethikbremse, sondern ist rund. Das ist die sinnvollere Verletzungsprävention.

Ein Werksleiter demonstriert diesen neuen, leichten Kuka-Roboter, der durch Kraftsensoren fühlen kann. Er kann die Rastungen fühlend Kupplungen montieren und lässt sich vom Menschen führen. Aber er hat keine Ethikbremse, sondern ist rund. Das ist die sinnvollere Verletzungsprävention.

Wie weit letztendlich ethische Überlegungen in der Auslegung der Roboterautos in ferner Zukunft gehen, ist von heute aus nicht zu extrapolieren. Was mich an der ganzen Diskussion stört, ist die Ebene, auf der sie stattfindet, denn das ist die Ebene des Einzelfalls. Es ist letztendlich nämlich unwichtig, wie das Beispiel mit dem Schulbus und dem Kleinwagen ausgeht, denn je konstruierter das Beispiel, umso unwahrscheinlicher ist die Realität ihres Eintreffens. Ein Autonomobil muss sich nicht am Stauende hinter einer Autobahnkurve zwischen verschieden besetzten Fahrzeugen entscheiden, denn es weiß lange vorher, dass sich dort ein Stau gebildet hat. Es kann Kilometer vorher bremsen oder die Autobahn verlassen. Und bei in Zehntelsekunden eintretenden Unfällen gibt es eh praktisch keine Entscheidungsoptionen. In der Realität ist die Ethikbremse irrelevant. Sie existiert nur in weitestgehend ziellosen Diskussionen. Relevant ist nur, ob autonome Autos unser Leben insgesamt besser machen.

Fassadenverpixler, die Facebook-Lebensereignisse nachtragen

Die Ebene, auf der die Diskussion sinnvoll wird, ist deshalb die der Gesellschaft: Wird unsere Lebensqualität mit autonomen Autos höher als ohne? Fast alle Datenpunkte sprechen dafür. Wir erhalten mehr Sicherheit, mehr Vorhersehbarkeit, mehr Effizienz und vor allem mehr Bequemlichkeit, diesen größten Treiber jeden Fortschritts. Wir bezahlen das hauptsächlich durch noch mehr Datenerhebung, aber wenn ich sehe, wie selbst Fassadenverpixler ihre „Lebensereignisse“ auf Facebook aufwendig von Hand nachtragen, fällt es mir schwer, darin einen echten Dämpfer der Entwicklung zu sehen.

Die Frage, die ich daher in der Folge spannend fand: „Wieso ist die Ethikbremse so zentral in der Diskussion um das autonome Auto?“ Die Antwort der Experten aus der Forschung und Entwicklung bei Daimler waren drei Mal prinzipiell gleich: Weil die meisten Leute nicht verstehen, worum es geht. Am eloquentesten hat es Alexander Mankowsky formuliert, wahrscheinlich, weil er so viel und gern redet: „Die meisten Menschen verstehen Technik nicht, vor allem verstehen sie keine Algorithmen. Aus diesem Unverständnis sprechen sie Maschinen magische Eigenschaften fernab der Realität zu, wie zum Beispiel die Fähigkeit, in Millisekunden den Wert von Menschen und den zukünftigen Verlauf des Unfalls zu errechnen. Das autonome Auto wird dadurch in der Vorstellung regelrecht dämonisch.“

Alexander Mankowsky zeigt einen (tatsächlich kompilierenden) Algorithmus. Wahrscheinlich vergeblich.

Alexander Mankowsky zeigt einen absichtlich leserlich geschriebenen Algorithmus — wahrscheinlich vergebens.

Für Neugierige gibt es deshalb einen einfachen Weg, die Ethikbremse zu lösen: Information. Jede Maschine verliert ihre dämonische Aura im selben Maße, wie das Verständnis über sie steigt. Neugierige müssen sich jedoch damit abfinden, dass die Mehrzahl der Menschen nicht besonders neugierig ist. Aber das ist egal, denn bequem sind wir alle, und Bequemlichkeit wird letztendlich dafür sorgen, dass Roboter in alle Lebensbereiche vordringen, nach der Industrie jetzt in den Verkehr. Ich selber möchte auch die Bequemlichkeit bemühen und mich hiermit aus den stets ziellosen Ethikbremsen-Diskussion zurückziehen. Liebe Mitbequemen: Wir sprechen uns wieder, wenn dich dein Auto bei Wein und guter Literatur sanft, zügig und sicherer als jemals nach Hause bringt. Das kann uns als Gesellschaft die eine oder andere von Maschinen getötete Busladung Kinder wert sein, denn sind wir mal ehrlich: Ohne Maschinen töten wir viel mehr.

Dr. Kohler sieht nicht so aus, ist aber eine coole Sau. Sein Schlusswort ist das pragmatische: "Wir denken da alle viel zu kompliziert. Die echten Lösungen werden viel einfacher sein."

Dr. Kohler sieht nicht so aus, ist aber eine coole Sau. Sein Schlusswort ist das pragmatische: „Wir denken da alle viel zu kompliziert. Die echten Lösungen werden viel einfacher sein.“

Bilder: Daimler

Klemens Kolumnens

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 24.06.2014

Karla Kolumna war der beste Charakter auf den Bibi-Blocksberg-Kassetten meiner Schwestern. Ja, als Minderheit im Kinderzimmer musste man auch mit den Anschaffungen der Mehrheit leben, also Puppenspülmaschinen umbauen und Bibi Blocksberg hören. Auf jeden Fall kann ich mich bis heute an die nervige Karla Kolumna erinnern, weil sie diesen mnemonisch hervorragenden Namen hat, der allerdings wenig passte, denn sie wurde immer als „rasende Reporterin“ beschrieben statt als Kolumnistin. Dabei wäre Kolumnistin doch mindestens genauso gut geeignet, um eine Figur interessant zu machen. Heinlein etwa lässt einen Protagonisten in „Stranger in a Strange Land“ Kolumnist sein, um seine Freiheit und seine Querulanz herauszustellen.

Kolumnist wollen alle Schreiber gern sein — weniger wegen der Querulaz, mehr wegen dem Traum von ein Mal die Woche seine Meinung schreiben, für die man ja nicht recherchieren muss, weil sie bereits bekannt ist, und davon Miete und Scotch bezahlen können. Das gibt es aber glaube ich nicht mehr, so eine Bezahlung. Aber die Kolumnen gibt es noch, oder wir schaffen sie. Nachdem ich bei Heise Autos hin und wieder die Meinungsrubrik befüllte, regte ich vor rund einem Jahr an, da eine richtige Kolumne reinzubringen, mit wöchentlicher Erscheinung jeden Mittwoch. Das hat sich ganz gut eingeschliffen, denke ich. Es gibt immer mal wieder zu kurzfristig runtergerissene Texte, die von Gate A538 noch schnell übers freie WLAN ins CMS gesnipert werden, aber es gibt hauptsächlich jeden Mittwoch einen Stein, den ich anstoße, damit ich und andere Trolle darüber diskutieren, gerne auch mit Menschen. Eine Kompilation von Steinen des Anstoßes aus 2013 ohne Heckenschützenschnellschüsse kann man in ein paar Tagen bei Apple oder sofort bei Amazon kaufen. Das Geld kommt unserem neuen Kirchendach zugute, sprich: dem Umbau der Website.

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