Lichter am Ende der Speckschwarte

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 26.03.2014

Grad muss ich wieder mal an den Kollegenspruch denken: „Es gibt ja eigentlich gar keine schlechten Sachen mehr, wenn man sie nur richtig einordnet rhabarberrhabarber…“ Ich muss wirklich gelegentlich lesen, was er dieser Tage so schreibt, weil es gerade eine sehr interessante Mischung von üblen Überraschungen (Harley Street 750) und freudigen Überraschungen (TomTom Rider) gibt. Es gibt also viel einzuordnen. „Dieser Dreck eignet sich vorzüglich für Deppen mit zu viel Geld“ könnte zum Beispiel eine Einordnung sein, wenn ich das System richtig verstanden habe. Zu den freudigen Überraschungen gehört die Jacke Revit Piazza, die ich für einen Test in Heise Autos bestellen wollte. Revit hatte aber keine zum Testen an ihrem Testkleiderständer hängen, denn das Budget ist knapp und Stadtfahrerjacken sind Rollerscheiß, für den kein Geld auszugeben sei. Deshalb habe ich eine bei Amazon gekauft, was den Vorteil hat, dass ich sie wider die Empfehlung in der Maschine waschen kann, wenn mir danach ist. Die Jacke ist ziemlich toll.

So sieht sie aus.

Zeichen und Wunder: TomTom Rider 2014

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 22.03.2014

Gerade komme ich aus dem heute bisserl frischen Schwarzwald zurück mit der aktuellen Generation des TomTom Rider, für den es gerade eine neue Software-Version gibt. Im Prinzip hat sich nicht viel geändert, auffällig ist nur der breitere Bildschirm. Unter der Haube haben sich aber die nervigen Punkte aller vorherigen Rider-Versionen verbessert. Der Anschalter schaltet endlich auch bei niedriger Akkuspannung an. Der Halter hält jetzt länger als 50 km, weil er ENDLICH dickere Achsen für den Schnapper hat, sogar mit Schrauben. Die Duke hat ihn bis jetzt noch nicht zerstört, was mir Hoffnung macht. Insgesamt ist der Sitz des Geräts am Halter auch satter, sodass es weniger Plastikabrieb gibt. Garmin ist da immer noch besser (denn dort scheuert gar nichts), aber es ist eine echte, brauchbare Verbesserung. Die superpraktische Funktion „kurvige Strecke finden“ bleibt erhalten, weiterhin mit Schieberegler für die Gewichtung des A*-Algorithmus, der letztendlich die Größe der gefahrenen Straßen einstellt. Sowas gab es aus mir unverständlichen Gründen seit dem Garmin 2610 nimmer. Einziger Nachteil gegenüber dem Urban Rider ist die deutlich geringere Akkulaufzeit. Ohne Stromversorgung auf verschiedenen Maschinen fahren geht damit realistisch nur noch halbtags (je nach Strecke und Beleuchtung überlebt die Batterie vier Stunden). Das ist für den Großteil der Kunden egal, denn sie fahren auf einer Maschine, auf der sie eine Stromversorgung verlegen. Für Hardcore-Tourenfahrer gut: TomTom vertreibt endlich einen Tourenplaner für den Desktop mit (Tyre Pro). Die fehlende Planungs-Software war für Touris vorher ein echter Nachteil gegenüber Garmin. Insgesamt: Na, geht doch. Werde das Teil noch bisserl testen für MO und Heise, aber ich bin bis jetzt sehr zufrieden. Vielleicht haben außer mir noch Andere zu TomTom „ihr Ficker“ gesagt, denn das ist die erste Rider-Generation, die die krassesten Mängel behebt. Vielen Dank, ihr Ficker! So wollten wir Kunden es haben.

Der aktuelle Rider am Lenker der Duke. Rüttelplattentest im Schwarzwald bestanden.

Der aktuelle Rider am Lenker der Duke. Rüttelplattentest im Schwarzwald bestanden.

Nachbesprechung: PS auf der Couch

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 13.03.2014

Matthias Schröter von der Motorpresse hat mir auf Facebook bezüglich meiner Heftkritik geschrieben, dass ich eine abscheuliche Graupe bin und die PS mich jederzeit und immer gar förchterlich herbrennt. Das stimmt ja alles, nur heißt so ein Anwurf halt auch: „Ich kann keine deiner Aussagen auch nur entkräften, also greife ich stattdessen deine Person an.“ Also in etwa wie: „Du bist fett, deshalb hast du hier gar keine Kritik zu äußern!“ Das fand ich schon bisserl peinlich. Die Antwort war ein: „Nein! DU bist peinlich!“ Wenn es aufs Niveau Fünfjähriger runter geht, hat sich jemand wirklich aufgeregt. Es lohnt sich dann meistens, den Grund zu erkunden, selbst wenn das schwierig ist. Nach einigem Nachhaken erklärte Matthias tatsächlich, woran er sich gestört hat: Man sagt so eine Kritik seiner Ansicht nach nicht öffentlich, sondern nur den betreffenden Kollegen direkt. Das ist eine erstaunliche Aussage für einen Publizisten. Wenn es Kritik an der Fireblade gibt, sagt man die folglich am besten auch nicht öffentlich, sondern nur Honda direkt. Das würde den heimlichen Verdacht einiger Leser bestätigen, ich vermute jedoch eher, dass es Matthias um die Form geht, die er als irgendwie unfair empfunden haben muss. Unfair wollen wir nicht sein, deshalb ordne ich nüchtern die wichtigsten Aussagen des Videos ein, auf dass die Kritik konstruktiver werde. Den Leuten direkt nochmal sagen muss ich nichts davon, das wissen sie alles seit Jahren.

  • Positionierung: Dass die PS jetzt in die Breite geht, ist verständlich. Das Publikum, das Motorrad-Print-Hefte liest, ist im Schnitt noch älter als der Bevölkerungsteil, der sich für das Thema eines Hefts interessiert (in diesem Fall schnelle Motorräder). Man muss dieses Publikum in der Realität abholen, denn nirgendwo sonst wartet es auf einen. Und in dieser Realität haben sich viele einstmalige Superbike-Käufer tatsächlich eine GS gekauft. Diese Verlangsamung betrifft ja nicht nur die PS, sondern man kann sie in jedem Motorradheft am Markt sehen. Der Plan ist also, die Breite abzuholen, aber alles durch eine Sportlinse zu fokussieren. Eben das zeigt sich am konkreten Beispiel als problematisch:
  • Fokus: Selbstverständlich kann ein Redakteur jedes Motorrad auf seine Schneller!-Eignung hin betrachten. Der Test der Ninette von Gert Thöle ist ein gutes Beispiel. Er ist wie gesagt sauber gedengelt, und bestimmt hat der Autor diesen Test extra fürs Erscheinen in der PS aufgezogen. Trotzdem könnte er genauso in der Motorrad stehen. Niemand würde sich wundern. Ein für den Leser sichtbarer Fokus fühlt sich für den Autoren nämlich völlig übertrieben an, ähnlich wie Posieren beim Fotofahren. Einen ganzen Artikel konsequent durch eine bestimmte Linse zu brechen ist schwieriger, als es sich anhört. Mir fallen in der Leuschnerstraße nur zwei Personen ein, die eine solche Fertigkeit belegt haben: Klaus Herder und Jörg Lohse. Es gibt sicher noch mehr, das ist aber fürs Argument egal. Beide arbeiten nicht für die PS, die abscheulichen Graupen, aber wichtiger: Selbst wenn sie das täten, muss ein Sportfokus im Fall der PS das gesamte Heft bündeln. Das ist eine Größenordnung schwieriger. Es ist bestimmt möglich, es ist in der aktuellen Ausgabe jedoch für mich nicht sichtbar passiert, obwohl „sportlich schnell Motorradfahren“ das verspricht. Das wäre alles nicht schlimm, wenn nicht derselbe Verlag ein Heft brächte, das praktisch alles genauso gut oder besser macht: Ninette, MT-07, Monster, Konzeptvergleich, MV Dragster, Psycho-Hintergründe, selbst Fireblade und MotoGP-Hintergründe stehen in dieser oder besserer Qualität im Hauptobjekt der Motorradsparte. Ich wünsch der PS Erfolg mit ihrem Versuch, aber als Verlag würde ich mich fragen, wieso es im Haus ein Heft gibt, das sich zu über 90 Prozent mit dem Hauptobjekt des Themengebiets überschneidet. Eine Abhilfe wäre:
  • Themenplanung: Wenn der Fokus nicht über die Textarbeit entstehen kann, weil dazu die Ressourcen fehlen, kann er einfacher und zuverlässiger über die Themenplanung zustande kommen. Jetzt bin ich wieder die abscheulich gemeine Graupe, aber Themenplanung war wirklich nicht die Stärke der PS in den letzten Jahren. Im Team fehlt ein Heftmacher (solche Leute gibt es ja im Verlag).
  • Altlasten: Der DSK darf eine Doppelseite verschandeln, weil DSK-Mitglieder ein Abo entweder der PS oder der „Sport Auto“ erhalten. Irgendjemand hielt das irgendwann für eine gute Idee. Jeder, den ich kenne, hält es jedoch für insgesamt schädlich für Heft und damit letztendlich Verkauf. Warum das jeden „Relaunch“ überlebt, ist fragwürdig. Genauso der Kleinanzeigenmarkt. So ein Flickenteppich macht eine Menge Arbeit. Rechnet sich das wirklich?
  • Anzeigenlage: Ich habe abseits der kleinen Anzeigen im Markt-Teil keine einzige normal bezahlte Anzeige gesehen, nur Gegengeschäfte und Eigenanzeigen (korrigiert mich gerne). Wenn das die gegenwärtige Lage am Schnittpunkt Medienkrise-Motorradmarktkrise-Werbekrise ist, wäre das Experiment „Leserfinanzierung“ nicht nur sinnvoll, sondern notwendig gewesen, also beim Copy-Preis bei einer schwarzen Null herauszukommen. Das hätte der PS eine einzigartige Unabhängigkeit gegeben. Ist aber bei 3,80 Euro wohl nicht der Fall. Mehr Geld rechtfertigt sich über:
  • Qualität: Die gefühlte Qualität für den Leser ist bei der PS nicht sonderlich hoch. Das liegt an Bindung und Papier, aber auch an der Farbenpsychologie: Gelb und blau sind Kasperl sei‘ Frau und außerdem alle Kreuzworträtsel-, Sudoku- und TV-Tratschhefte, die sie liest. Das ist nur ein Randpunkt, aber im Gesamten kann man eine PS mit demselben Aufwand schicker aufmachen. Wie immer wieder gelobt: Die Bilder sind eh gut, aus denen kann man mehr Qualitätsanmutung fürs Heft holen. Das neue Layout ist ein richtiger Schritt. Qualität hat auch was mit nach außen gezeigtem Verständnis zu tun. Deshalb das Beispiel mit der Korrektur. Ich weiß mit Sicherheit, dass es in der Leuschnerstraße Leute gibt, die diese Korrektur in fünf Minuten wasserdicht geschrieben hätten, wenn man sie denn gefragt hätte. Ja, die vorderen Seiten passieren als letztes unter dem größten Druck. Das treibt die Fehlerrate. Aber Andere kriegen es auch hin, mit mehr Korrekturen zu wesentlich komplexeren Themen (in der c’t ist in fast jeder Ausgabe eine Korrektur oder wichtige Ergänzung drin). Eine Korrektur noch einmal in derselben Weise zu verhauen wie den Ursprungsfehler, das sieht immer aus wie überhaupt nicht verstanden. Es lohnt sich deshalb, diese Zeit irgendwoher zu nehmen.
  • Öffentlichkeit: Das ist der spezielle Matthias-Schröter-Punkt. Das Heft ist öffentlich. Wenn Leute darüber sprechen, ist das immer gut, denn das spart schon wieder Streuwerbung. Ich kriege auch jeden Tag Kritik, auch für Sachen, die aufwendig waren; gerade für Sachen, an denen Herzblut klebt. Da muss jeder Publizist eben durch, da hilft Herumnölen auch nicht. Ich bleibe dabei: Es sieht scheiße aus, wenn ein Mitarbeiter des größten Verlags in der Branche öffentlich sagt, dass Öffentlichkeit nicht gut ist. Siehe auch Generaloberchefredakteur Michael Pfeiffers „Ich wünsche keine öffentliche Diskussion …“ damals. Sowas untergräbt jede publizistische Glaubwürdigkeit, vor allem, wenn man selber davon lebt, über Andere zu richten (in diesem Fall: Motorradhersteller).

Die berechtigte Frage ist: „Warum hast du noch mal eine Rezension einer PS gemacht, wenn das doch schon letztes Mal nur Geplärre gegeben hat?“ Weil ich ein Leser bin, deshalb. Die PS ist das einzige Motorradheft, das ich mir am Kiosk kaufe. Die anderen Hefte interessieren mich entweder nicht (Europe’s Biggest, Reisescheise, Tschobbr & Co.) oder ich arbeite selber gelentlich mit daran, erhalte also Belegexemplare und bin befangen, wie der Jurist sagt. Das ist nicht glaubwürdig. Vielleicht kommen wir ja irgendwann an einen Punkt, an dem selbst ein Herr Schröter eine Leserkritik von mir ebenso ruhigen Blutes zur Kenntnis nehmen kann wie eine Leserkritik, die in einem Motorradforum stattfindet. Bisserl auf Leser hören. Auch wenn’s schwerfällt.

PS goes ZDJLAKK

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 11.03.2014

Akronym-Time! Heute: ZDJLAKK. Das ist die „Zeitschrift, die jeder liest, aber keiner kauft“, also die bespitznamte Motorrad. Akronym-Time Ende. Relaunch-Time! Wieder einmal erfindet sich die PS neu, sagt sie. Das passiert in letzter Zeit irgendwie häufiger. Es ist auch notwendig, das Problem war halt bisher, dass sie sich gar nicht neu erfinden (macht eh niemand niemals), dass sie jedoch auch im Prinzip überhaupt nichts anders machen als vorher. Beim letzten Relaunch bestand die Änderung darin, dass zu Anfang eines jeden Artikels ein, zwei, drei markige Sprüche standen, denen übergangslos der Test folgte, wie er immer war. Diesmal jedoch soll sich die grundlegende thematische Orientierung ändern, weil die alten Herren, die noch Motorradzeitschriften lesen, sich nicht mehr für Sportmotorräder interessieren. Das habe ich mir mal völlig übernächtigt gegeben. In diesem revolutionär relaunchten Video kann man mich beim Durchblättern des Hefts begleiten. Wer keine Zeit hat, für den fasse ich den Relaunch zusammen: „Sportler sind schwierig geworden und mir müsset jetzt was mache. Ich habs: Wir machen eine ZDJLAKK mit gelb-blauem Logo!“ Das Problem ist halt, dass es eine ZDJLAKK schon gibt, sodass die Änderungen auf eine ZDKLUKK zusteuern könnten, eine “Zeitschrift, die keiner liest und keiner kauft“ — schwieriges Geschäftsmodell.

Share and Enjoy!

Clemens Gleich in Kategorie(n) , , - 27.02.2014

Das erste Mal richtig aufgefallen ist es mir im Sommer 2010, als wir zu sechst faul in der Abendsonne an Bord einer Segelyacht unsere Mobilität diskutierten. Von sechs Leuten hatten vier kein eigenes Auto, und von den zwei Autobesitzern fuhr einer ein ganzjähriges Winterhuren-Arrangement. Dafür hatte jeder von uns mindestens ein eigenes Motorrad. Ebendas ist auch Ralfs Thema im Editorial der aktuellen Fastbike: „Eigentlich braucht man nur eine Carsharing-Mitgliedschaft und ein Motorrad“, zitiert er dort einen „befreundeten Großstädter“. Wir hatten kurz vorher am Telefon eben dieses Thema, es könnte also ich gewesen sein. Es könnte jedoch genauso einer der sehr vielen Anderen sein, die es gerade genauso machen.

Von A nach B zu kommen ist ein nüchternes Bedürfnis. Wenn ich für eine Handvoll Euro mit dem Car2Go-Smart zum Flughafen zoomen kann, um von dort aus egal wohin zu jetten, was soll ich dann mit einem eigenen Auto? In Stuttgart weiß ich nicht einmal, wo ich das hinstellen soll, so voll ist die Stadt. Bei jeder anderen Einsatzart als die der Immobilie werde ich sehr schnell sehr unglücklich, denn es gibt keine Parkplätze außer die im Dauerstau, in denen man nicht aus dem Auto darf. Ich habe letztens viel Spaß mit dem Jaguar F-Type V8 S und dem Porsche Boxster S oben im Schwarzwald gehabt. Doch bei der Rückkehr stand ich jedes Mal in einem so zäh-breiigen Stau, dass er mir die draußen angesammelte Lebenslust sofort wieder entzogen hat. Daheim kam ich emotional entleert an, irritiert und angespannt. Und dann musste ich noch einen Parkplatz suchen. Natürlich stimmt die Aussage „heute kann man so ein Auto gar nicht mit Spaß fahren“ nicht. Es gibt überall diese kleinen Strecken, auf denen kein Verkehr ist. Aber wenn man nicht direkt an diesen Strecken wohnt, ist man eben davor und danach mit der Verkehrsbehinderung Auto gestraft.

Ohne Geduld, mit Gemeinschaft

Wahrscheinlich ist meine mangelnde Geduld ein großer Faktor, der mich eher zum Kradisten als zum Stautofahrer macht. Dazu kommt, dass die meisten Autos wie chinesische Kühlschränke sind: Sie erfüllen eine Nutzenfunktion, der sie in der pflichtschuldigsten Weise nachkommen. Mein erstes eigenes Auto war ein solcher wortwörtlicher Kühlschrank: ein Miele-weißer Opel Vectra 1.9i von 1991. Dieses Auto hatte ich (natürlich des Preises wegen) gekauft, doch im Prinzip betrachtete ich es als Gemeinschaftseigentum, genauso wie Tabak oder Bier. Jeder konnte von mir den Schlüssel zum Kühlschrank haben, wenn er fahren wollte. Wenn er nicht fahren wollte, brauchte er den Schlüssel nicht, denn der Kühlschrank war nie abgeschlossen, damit die Gemeinschaft immer Tabak, Bier oder Schminksachen ins Trockene bringen konnte.

Als ich in Hannover wohnte, wo man sinnvollerweise Fahrrad fährt, vergaß ich den Kühlschrank komplett am Straßenrand. Ein Obdachloser quartierte sich nach einigen Monaten dort ein, dann mahnte mich die Polizei an, den Sperrmüll doch mal zu entfernen, sie möchten eine andere Immobilie dort bauen, dann verschenkte ich ihn. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind geprägt von den Erlebnissen der Mobilität, die der Kühlschrank ermöglichte. An das Auto selber gibt es kaum emotionale Erinnerungen. Es ist glaube ich gar nicht möglich, eine Emotion gegenüber einem Opel Vectra zu haben, denn an ihm perlt jedes Gefühl ab wie Wasser an einer Teflonschicht.

You are wearing leather clothes that will last you the rest of your life.

Jetzt habe ich außer der roten Transponderkarte für Stadtmobil noch die blaue für Daimlers Car2Go. Möglichst wenig zu besitzen passt einfach zum Motorradfahren, wie es mir gefällt: mit möglichst wenig Ballast. Möglichst wenig Gewicht, möglichst wenig Komplexität, damit möglichst wenige Zusatzsysteme, möglichst wenig Gepäck und möglichst wenig Kleidung. Wenn ich irgendwo hinfahre, nehme ich kein zweites paar Schuhe mit, sondern trage ein paar Schuhe, in denen ich laufen und fahren kann. Genauso Hose. Genauso Jacke. Meine Lieblingslederjacke ist so weich, dass ich darin gut schlafen kann. Das ist für mich keine Einschränkung, sondern eine Erleichterung. Je weniger ich mir ans Bein binden muss, umso besser. Jede Generation hat ihr Buch, ihren Film. Für meine Generation war das in meiner Subkultur „Fight Club“: Die Zivilisation ist zu kompliziert geworden, reißen wir sie ein!

Wenn ich ein Motorrad sehe, frage ich mich nicht, was für Klapperschrott ich da noch dranspaxen könnte, sondern ich frage mich, was für unnötiger Klapperschrott problemlos abzuschrauben ist. Das sind selbst an meiner KTM 690 Duke ein paar kg. Ich erinnere mich noch gut, als ich spontan zu einer 250 km entfernten Grillfeier aufbrach, damals auf der schwarzen 2009er-Duke, einer echten Ziege. Mein Gepäck bestand aus einer Flasche Scotch, die ich auf dem Beifahrersitz festband, sowie aus purer Dekadenz einem Glas, das noch neben die Werkzeugtasche vor den Luftfilterschnorchel passte. Oder die Geburtstagsfeier in Marburg, zu der ich auf der KTM 990 Supermoto fuhr, Gepäck: eine frische Unterhose plus ein paar Socken, in die Jackentasche gesteckt. Wenn ich dereinst mehr Gepäck für ein Wochenende brauchen sollte, weiß ich, dass mir eine unbemerkte Geschlechtsumwandlung zum Tourenfahrer widerfahren ist.

Das untote Motorrad

Es gibt noch mehr Menschen als Ralf oder mich, die schlichte, rohe, aber dennoch sehr sinnliche Dinge wie Scotch, Sex oder Motorradfahren mögen. Darin liegt die große Chance für das gerne totgesagte Motorrad. Viele meiner Kollegen fürchten, dass Motorräder irgendwann wie Helmut Schmidts Mentholzigaretten einfach verboten werden. Kann ja passieren. Aber wisst ihr was? Das wird mich dann auch nicht davon abhalten, mit nur einer Flasche im Gepäck auf der Duke eure Parties zu crashen. Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Motorrads. Ich mache mir eher Sorgen um die Zukunft jener Autoarten, die keine chinesischen Kühlschränke sind.