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Clemens Gleich in Kategorie(n) , , - 27.02.2014

Das erste Mal richtig aufgefallen ist es mir im Sommer 2010, als wir zu sechst faul in der Abendsonne an Bord einer Segelyacht unsere Mobilität diskutierten. Von sechs Leuten hatten vier kein eigenes Auto, und von den zwei Autobesitzern fuhr einer ein ganzjähriges Winterhuren-Arrangement. Dafür hatte jeder von uns mindestens ein eigenes Motorrad. Ebendas ist auch Ralfs Thema im Editorial der aktuellen Fastbike: „Eigentlich braucht man nur eine Carsharing-Mitgliedschaft und ein Motorrad“, zitiert er dort einen „befreundeten Großstädter“. Wir hatten kurz vorher am Telefon eben dieses Thema, es könnte also ich gewesen sein. Es könnte jedoch genauso einer der sehr vielen Anderen sein, die es gerade genauso machen.

Von A nach B zu kommen ist ein nüchternes Bedürfnis. Wenn ich für eine Handvoll Euro mit dem Car2Go-Smart zum Flughafen zoomen kann, um von dort aus egal wohin zu jetten, was soll ich dann mit einem eigenen Auto? In Stuttgart weiß ich nicht einmal, wo ich das hinstellen soll, so voll ist die Stadt. Bei jeder anderen Einsatzart als die der Immobilie werde ich sehr schnell sehr unglücklich, denn es gibt keine Parkplätze außer die im Dauerstau, in denen man nicht aus dem Auto darf. Ich habe letztens viel Spaß mit dem Jaguar F-Type V8 S und dem Porsche Boxster S oben im Schwarzwald gehabt. Doch bei der Rückkehr stand ich jedes Mal in einem so zäh-breiigen Stau, dass er mir die draußen angesammelte Lebenslust sofort wieder entzogen hat. Daheim kam ich emotional entleert an, irritiert und angespannt. Und dann musste ich noch einen Parkplatz suchen. Natürlich stimmt die Aussage „heute kann man so ein Auto gar nicht mit Spaß fahren“ nicht. Es gibt überall diese kleinen Strecken, auf denen kein Verkehr ist. Aber wenn man nicht direkt an diesen Strecken wohnt, ist man eben davor und danach mit der Verkehrsbehinderung Auto gestraft.

Ohne Geduld, mit Gemeinschaft

Wahrscheinlich ist meine mangelnde Geduld ein großer Faktor, der mich eher zum Kradisten als zum Stautofahrer macht. Dazu kommt, dass die meisten Autos wie chinesische Kühlschränke sind: Sie erfüllen eine Nutzenfunktion, der sie in der pflichtschuldigsten Weise nachkommen. Mein erstes eigenes Auto war ein solcher wortwörtlicher Kühlschrank: ein Miele-weißer Opel Vectra 1.9i von 1991. Dieses Auto hatte ich (natürlich des Preises wegen) gekauft, doch im Prinzip betrachtete ich es als Gemeinschaftseigentum, genauso wie Tabak oder Bier. Jeder konnte von mir den Schlüssel zum Kühlschrank haben, wenn er fahren wollte. Wenn er nicht fahren wollte, brauchte er den Schlüssel nicht, denn der Kühlschrank war nie abgeschlossen, damit die Gemeinschaft immer Tabak, Bier oder Schminksachen ins Trockene bringen konnte.

Als ich in Hannover wohnte, wo man sinnvollerweise Fahrrad fährt, vergaß ich den Kühlschrank komplett am Straßenrand. Ein Obdachloser quartierte sich nach einigen Monaten dort ein, dann mahnte mich die Polizei an, den Sperrmüll doch mal zu entfernen, sie möchten eine andere Immobilie dort bauen, dann verschenkte ich ihn. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind geprägt von den Erlebnissen der Mobilität, die der Kühlschrank ermöglichte. An das Auto selber gibt es kaum emotionale Erinnerungen. Es ist glaube ich gar nicht möglich, eine Emotion gegenüber einem Opel Vectra zu haben, denn an ihm perlt jedes Gefühl ab wie Wasser an einer Teflonschicht.

You are wearing leather clothes that will last you the rest of your life.

Jetzt habe ich außer der roten Transponderkarte für Stadtmobil noch die blaue für Daimlers Car2Go. Möglichst wenig zu besitzen passt einfach zum Motorradfahren, wie es mir gefällt: mit möglichst wenig Ballast. Möglichst wenig Gewicht, möglichst wenig Komplexität, damit möglichst wenige Zusatzsysteme, möglichst wenig Gepäck und möglichst wenig Kleidung. Wenn ich irgendwo hinfahre, nehme ich kein zweites paar Schuhe mit, sondern trage ein paar Schuhe, in denen ich laufen und fahren kann. Genauso Hose. Genauso Jacke. Meine Lieblingslederjacke ist so weich, dass ich darin gut schlafen kann. Das ist für mich keine Einschränkung, sondern eine Erleichterung. Je weniger ich mir ans Bein binden muss, umso besser. Jede Generation hat ihr Buch, ihren Film. Für meine Generation war das in meiner Subkultur „Fight Club“: Die Zivilisation ist zu kompliziert geworden, reißen wir sie ein!

Wenn ich ein Motorrad sehe, frage ich mich nicht, was für Klapperschrott ich da noch dranspaxen könnte, sondern ich frage mich, was für unnötiger Klapperschrott problemlos abzuschrauben ist. Das sind selbst an meiner KTM 690 Duke ein paar kg. Ich erinnere mich noch gut, als ich spontan zu einer 250 km entfernten Grillfeier aufbrach, damals auf der schwarzen 2009er-Duke, einer echten Ziege. Mein Gepäck bestand aus einer Flasche Scotch, die ich auf dem Beifahrersitz festband, sowie aus purer Dekadenz einem Glas, das noch neben die Werkzeugtasche vor den Luftfilterschnorchel passte. Oder die Geburtstagsfeier in Marburg, zu der ich auf der KTM 990 Supermoto fuhr, Gepäck: eine frische Unterhose plus ein paar Socken, in die Jackentasche gesteckt. Wenn ich dereinst mehr Gepäck für ein Wochenende brauchen sollte, weiß ich, dass mir eine unbemerkte Geschlechtsumwandlung zum Tourenfahrer widerfahren ist.

Das untote Motorrad

Es gibt noch mehr Menschen als Ralf oder mich, die schlichte, rohe, aber dennoch sehr sinnliche Dinge wie Scotch, Sex oder Motorradfahren mögen. Darin liegt die große Chance für das gerne totgesagte Motorrad. Viele meiner Kollegen fürchten, dass Motorräder irgendwann wie Helmut Schmidts Mentholzigaretten einfach verboten werden. Kann ja passieren. Aber wisst ihr was? Das wird mich dann auch nicht davon abhalten, mit nur einer Flasche im Gepäck auf der Duke eure Parties zu crashen. Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Motorrads. Ich mache mir eher Sorgen um die Zukunft jener Autoarten, die keine chinesischen Kühlschränke sind.

Ausprobiert: Smart Electric Drive im Car2Go-Sharing

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 21.02.2014

Mit Stadtmobil bin ich prinzipiell zufrieden, vor allem, weil ich einen Transit haben kann, um ihn mit Motorrädern zu beladen. Das Problem ist, dass man die Karren immer an ihren Platz zurückbringen muss. Bei Car2Go kann man die Elektro-Smarts überall abstellen, wo es legal ist, plus auf einigen Sonderparkplätzen — zum Beispiel am Flughafen. Deshalb hab ich mir jetzt diese Karte geholt und probiere es aus:

Pornographen fahren Porsche

Clemens Gleich - 18.02.2014

Gestern habe ich auf Heise Autos einen Test des Porsche Boxster S geschrieben. Dabei blieben ein paar gemeine Dinge in meiner Selbstzensur hängen, was normal ist, wenn man für ein großes Publikum gegen Bezahlung schreibt. Ich werfe die Passagen hier noch einmal in einem Kurztest hin, in der Hoffnung, dass sich wieder ein paar autoaggressive Geschlechtsteilallergiker beschweren, was sie sich selber angetan haben, als sie meine Buchstaben anschauten. Brauchst ned suchen: Da ist natürlich ein Link auf die ausführlichere Kaufberatung bei Heise drin.

Kurztest Porsche Boxster S

Expertensystem Dr. Ferdimens Dudengleicher

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 16.02.2014

Mein großes Herumschwall-Vorbild ist ja Ferdinand Dudenhöffer. So möchte ich auch werden, schrub ich in der Kolumne. Meine erste Chance kam, als Arte hoppladihopp sofort und gestern irgendjemand mit deutschem Pass suchten, der irgendwas zu Autos in die Kamera sagt. Irgendjemand: check. Deutscher Pass: check. Irgendwas mit Autos: check and doublecheck. Hier meine Expertenexpertise zu meiner derzeitigen Expertenkernkompetenz „Klugscheißen über autonome Autos“ (ab 7min ungefähr):

Angeschaut: Robocop 2014

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 12.02.2014

Ein Remake eines Klassikers hat eigentlich nur zwei Chancen: Entweder er versucht eine eigenständige Neuinterpretation des Themas oder er wird scheiße. Ein Film steht nie außerhalb seiner Zeit, und Robocop war einfach ebenso bezeichnend für unsere Gefühle gegenüber Maschinen in den Achtzigern wie es der Terminator war. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, welchen der zwei Wege die neue Robocop-Verfilmung genommen hat. Ich bin der Ansicht, sie ist den ersten Weg gegangen. Zusammen mit mir sind andere Nerds dieser Ansicht, die den Film mit altmodischen Adjektiven wie „klug“ auszeichnen, mit denen schon Verhoevens Film beschrieben wurde. In den Achtzigern erlebte endlich auch der Mainstream mit Ehrfurcht bis nur Furcht, wie gnadenlos Industrieroboter ihre Arbeit erledigen. Die Ängste der Industrialisierung, dass wir in ein Rad einer mechanischen Maschine kommen, die uns zufällig wie eine Naturgewalt zerkleinert, wurde in den Achtzigern komplementiert von der Angst, eine Maschine könnte uns beurteilen, zum Töten markieren und dann versuchen, ihre übersimplifizierte Entscheidung mit der Gnadenlosigkeit eines Industrieroboters umzusetzen. Robocop zeigt außerdem das in den Achtzigern plötzlich breitenwirksam gewordene Bewusstsein über die Macht globaler Megakonzerne. Aber jetzt ist 2014. Wir fürchten uns heute zusätzlich vor der Allgegenwärtigkeit dicht vernetzter Maschinen, die Ozeane von Daten verarbeiten, die uns gar nicht zur Verfügung stehen und unsichtbar bleiben, vor manipulativen Medien und ihrem Einfluss auf den Mob.

Genau hier spielt der neue Robocop überraschend feinfühlig auf. Samuel Jackson mimt den Meinungsmedienmann, der aus bewusst offen gelassenen Gründen Kampfdrohnen im US-Inlandsmarkt sehen will, die Polizeiarbeit erledigen. Schnitt in ein Krisengebiet, in dem Laufdrohnen Patrouille laufen. Aktuelle Themen geben den Takt des Films an. Dazu kommen Nebenströmungen aus zum Beispiel der Bewusstseinsforschung: „Ist das Murphy?“, fragt da jemand anlässlich der drastisch verbesserten Performance von Robocop in seinem zweiten großen Praxistest. „Nein“, antwortet der Wissenschaftler, „das ist eine Maschine. Murphy ist nur Passagier.“ Alle gucken blöd. „Aber er glaubt, dass er selber handelt.“ Ein Neurochip spielt ihm das vor. Solche Details der Fragestellungen zu Bewusstsein, Selbstwahrnehmung und freiem Willen werten für uns Nerds die Geschichte enorm auf. Genauso sind die Narrative zu Drohnen und eigenintelligenten Prothesen flüssig schluckbar, weil nahe an einer möglichen zukünftigen Realität. Für das Genre Actionfilm mit seinen normalerweise durchgängig haarsträubenden Narrativen ist das bemerkenswert gut.

Operation geglückt, aber Patient möchte sterben. Der Doktor hat seine Seele schon verkauft und zieht die aber-Ihre-Frau-Karte. (Bild: Sony Pictures / Studiocanal)

Operation geglückt, aber Patient möchte sterben. Der Doktor hat seine Seele schon verkauft und zieht die aber-Ihre-Frau-Karte. (Bild: Sony Pictures / Studiocanal)

Als Schwäche empfand ich ausgerechnet den Hauptdarsteller Joel Kinnaman, der am Kevin-Costner-Syndrom leidet, also nur zwei Gesichtsausdrücke hat. Auch seine Frau im Film (Abbie Cornish) spielt irgendwie nicht besonders glaubwürdig, was vielleicht daran liegt, dass sie den Murphy-Schauspieler nicht sonderlich zu mögen scheint. Das wird wettgemacht durch Gary Oldman, der den zwischen Versuchung und Gewissen zerrissenen Doktor spielt, und Michael Keaton, der mit Gusto Omnicorps dynamischen CEO gibt. Ich möchte jedem diesen Robocop empfehlen, und wer es noch nicht getan hat, sollte die Achtziger nachholen und Paul Verhoevens Film ebenfalls angucken. Wer Nerd und Freund von SF-Filmen ist, wird beide mögen. Robocops Motorrad ist übrigens eine 2010er Kawasaki Z 1000.